Wolfgang Rihms neue Oper "Dionysos" nach Friedrich Nietzsche wurde bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt
(Salzburg, 27. Juli 2010) Der Anfang wirkt wie ein Remake von Wagners "Rheingold". N, die Hauptfigur in Rihms "Dionysos" und unschwer als Nietzsche zu identifizieren, tappst linkisch hinter drei Frauen her ("drei Delphine"), die N. umgarnen, ihm aber immer wieder neckisch entwischen. Dazu erklingt ein stark an Wagners Rheintöchtern angelehnter Frauen-Dreigesang. Auch die Regie ist den albernen Fangenspielchen, die man so oft im "Rheingold" mit ansehen muss, ziemlich ähnlich.
Rihm beginnt seine neueste Oper "Dionysos" wie er seine Botho-Strauß-Oper "Das Gehege" aufhört: rückwärtsgewandt, referentiell und ein wenig kunsthandwerklich.
Auch jede Menge Strauss klingt in diesen ersten Minuten an. Kein Wunder, ist die zweite Hauptfigur der ersten Szene doch Ariadne, die in zirzensischen Höhen eine gefühlte Ewigkeit an N. hin singt, um ihn zum Reden zu bewegen. Doch N. ist gefangen in sich, unfähig sich zu artikulieren. Er erklimmt einen Berg, worauf zwei Ruder befestigt sind, mit denen versucht er davon zu rudern - Verweis auf eine berühmte Ruderpartie von Nietzsche und Cosima Wagner, der der Philosoph in inniger Verehrung bis zuletzt (als er sich schon längst von Wagner abgewandt hatte) zugewandt war.
Hier ahnt der Zuschauer spätestens, dass ihm ein eher anstrengender Abend bevorsteht. Denn Nietzsches später Gedicht-Zyklus ist phantasmagorische Poesie, expressiv, symbolisch. Eines sind Nietzsches Gedichte auf keinen Fall: erzählerisch oder gar dramatisch. Daraus eine Oper machen zu wollen, zeugt von reichlich Mut, ja künstlerischer Abenteuerlust. Weshalb Wolfgang Rihm sein Musiktheater vorsichtshalber auch "Opernfantasie" und nicht Oper nennt. Was es aber auch nicht leichter macht, sich damit auseinander zu setzen. Bis zuletzt bleibt der überbordend bildhafte Text in Konkurrenz zu seiner musiktheatralischen Bearbeitung. Ein Zyklus von Orchester-Liedern wäre vielleicht die bessere Variante einer Musikalisierung gewesen...
Mehr als 20 Jahre hat es gedauert, bis Wolfgang Rihm sich seinen Nietzsche von der Seele komponiert hat. So lange schon beschäftigt er sich mit der Idee, dem großen Verteidiger des Dionysischen in der Kunst, Friedrich Nietzsche und seinen hyperbolischen späten Gedichten, eine klingende Referenz zu erweisen. Kein Wunder, gilt doch auch Rihm als ein Komponist, dem es in seiner Musik immer auch darum geht, das Dionysische zu seinem Recht kommen zu lassen.
Eine Handlung im eigentlichen Sinn hat Dionysos also nicht. Vielmehr versuchte Rihm, der sich das Libretto selbst schrieb, aus den Gedichten, die um die Themen Liebe, Lust, Einsamkeit, Abschied kreisen, szenische Einheiten zu destillieren. "Szenische Keime", wie der Komponist es nennt, die "Entzündungsfelder für die verschiedensten - auch konträren - Bühnenhandlungen" bilden. Dabei stellt die Parallelsetzung von N. und Dionysos eine wesentliche Grundvoraussetzung des Librettos dar, die auch eine Entsprechung in Nietzsches Biographie hat. Als im Jahr 1888 Nietzsches Geisteskrankheit ausbrach, unterschrieb er seine Briefe mit Dionysos.
Das Faszinosum Dionysos beschäftigte Nietzsche freilich schon viel früher. Schon seine erste berühmte Schrift "Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" kreist um das antagonistische Götterpaar Dionysos/Apoll: "Apollo steht vor mir als der verklärende Genius des principii individuationis, durch den allein die Erlösung im Scheine wahrhaft zu erlangen ist: während unter dem mystischen Jubelruf des Dionysus der Bann der Individuation zersprengt wird und der Weg zu den Müttern des Seins, zu dem innersten Kern der Dinge offen liegt."
Doch anders als Dionyos, der sich tatsächlich ernsthaft für Ariadne interessiert, ist N. (und damit Nietzsche) unfähig, sich liebend auf eine Frau einzulassen. Seine Isolation kanalisiert er in seiner Philosophie. Am Ende des Stücks veranschaulicht Rihm jene Szene, die den Beginn von Nietzsches Wahnsinn markiert. In Turin fällt der Philosoph einem zuvor zu Tode geschundenen Pferd um den Hals und küsst es.
Vor allem im zweiten Teil der "Opernphantasie" schwingt sich Rihm zu beeindruckenden musikalischen Höhenflügen auf. Das Kultisch-Dionysische erhält hier zudem mehr theatralische Relevanz - auch unter Zuhilfenahme der griechischen Mythen um den geteilten Pentheus und den von Gott Apoll geheuteten Marsyas. Faszinierend, welch vielfältige musikalische Spannungsmomente und Erregungszustände Rihm aus den Gedichten heraus entstehen lässt. In einen wahren Klangrausch hat er sich bei der Annäherung an den Gott des Rausches hinein komponiert - auch wenn die erste Szene eher schwach geraten ist und nicht recht vom Fleck kommt. Das handwerkliche Können, die Vielgestaltigkeit der Mittel, die überbordende Expressivität dieser Partitur sind enorm. Sogar ein Walzer - in der Bordellszene - und ein bewegender Choral sind Bestandteile der Partitur. Überhaupt kommen dem Chor musikalisch überaus anspruchsvolle Aufgaben zu (ganz ausgezeichnet, der Wiener Staatsopernchor, einstudiert von Jörn H. Andresen).
Auch die Inszenierung von Pierre Audi in der Ausstattung von Jonathan Meese und Jorge Klaman findet mal konkrete, mal spielerisch assoziative, aber doch immer stimmige Bilder und Aktionen für das symbolistische Geschehen. Ingo Metzmacher, der sich selbst als "Geburtshelfer" dieser Oper bezeichnet, weil er Wolfgang Rihm mehrfach in seinem Vorhaben bestätigt und ermutigt hat, ist mit Feuereifer bei der Sache und lässt die Rihmschen Klangkosmen extrem plastisch hervortreten. Das DSO Berlin ist ihm dabei ein jederzeit motivierter und klangsinnlich engagierter Partner.
Fantastisch, die Sänger, allen voran Johannes Martin Kränzle als N. mit existenziell eindringlichem Bariton und Mojca Erdmann als in höchsten Höhen sirrende Ariadne. Auch Matthias Kling als Gast und Gott Apoll überzeugt jederzeit mit seinem an Strahlkraft reichen Tenor.
So blieb dem an Uraufführungen nicht gerade gewöhnten Salzburger Festspielpublikum (fast) gar nichts anderes übrig als diese nicht leicht zu konsumierende Opernfantasie ausgiebig zu bejubeln. Nicht ein Buh mischte sich in den heftigen Premierenapplaus.
Robert Jungwirth
Weitere Vorstellungen am 30.7., 5. und 8.8.
Achtung Festspielbesucher:
Die Stadt Salzburg hält in diesem Sommer einige Zumutungen für Sie bereit: Der Bahnhof wurde bis auf die Fassade weggesprengt und wird gerade neu aufgebaut. Das bedeutet, dass der gesamte internationale Zugverkehr in einer Großbaustelle abgewickelt wird. Zu den Zügen gelangt man über provisorische Bretterwege und -stege. Es stinkt nach Dieselruß, es ist laut und gefährlich, denn auf den nur ca. 2 Meter breiten Bahnsteigen fahren auch noch Transporter hin und her.
Ein große Freude, wenn man auf so einem Bahnhof auf chronisch verspätete Züge warten muss.
In der (Alt-)Stadt gibt es zwar neue Sperren für Autos, dafür ist der Verkehr rund um die Staatsbrücke mittlerweile so angeschwollen, dass man nicht glaubt, in einer Kleinstadt zu sein. Der Abgasgestank ist Ekel erregend, die Ampelschaltung für die Fußgänger so eingerichtet, dass man eine gefühlte Ewigkeit braucht, um die Brücke zu überqueren.
Deshalb: Staatsbrücke meiden, besser über die Fußgängerbrücke hundert Meter weiter.
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