Mystisches Zittern

Dietrich Fischer-Dieskau: "Jupiter und ich - Begegnungen mit Furtwängler"
Berlin University Press, ca. 100 Seiten, 19.90 Euro

Es ist wohl kein Zufall, dass das Interesse an Wilhelm Furtwängler gerade in den vergangenen Jahren wieder zugenommen hat. Nicht nur jenes Interesse, das sich mit der Beziehung Furtwänglers zu den Nazis beschäftigt, sondern auch jenes, das dem einzigartigen Dirigenten und seinen eigenwilligen Interpretationen gilt. Vielleicht wünschen sich gerade in dieser Zeit mit ihren modelhaften, oft auch künstlerisch allzu glatten Stars und -Sternchen doch manche ein Gegenbild. In dem sperrig genialischen Musiker Wilhelm Furtwänglers kann man es zweifellos finden. Und so ist es vielleicht auch kein Zufall, das der 84jährige Dietrich Fischer-Dieskau nun sein Buch mit Erinnerungen an Wilhelm Furtwängler veröffentlicht.

Bereits als Schüler pilgerte der gebürtige Berliner Fischer-Dieskau zu Furtwänglers Konzerte in die alte Berliner Philharmonie. Aber erst später erfasste er die Bedeutung von Furtwänglers Musizieren: "Sein Musizieren zielte nicht nur auf Welterfassung, sondern diente dazu, den ganzen einzelnen Menschen zu packen, zu hypnotisieren und zu verändern. Sicher, sein Dirigieren wirkte auf Anhieb subjektivistisch, fern den vertrauten, in Lehrbüchern festgehaltenen Regeln."
Fischer-Dieskau versucht das "mystische Zittern", das Arturo Toscanini dazu veranlaßte, Furtwängler einen "genialen Dilettanten" zu nennen, als ein wesentliches Ausdrucksmittel des Musikers Furtwängler zu beschreiben. In ihm erkennt Fischer-Dieskau jene "gewollte Entschlusslosigkeit", mithilfe der er seine Interpretationen in einem "Schwebezustand" hielt. Der Augenblick bekommt so die höchste Bedeutung, in ihm - und nicht in den Proben davor - entsteht das Werk.
"Er war zu Pausen oder Stockungen fähig, die den Hörern den Atem nahmen. Er produzierte Steigerungen oder Diminuendi, die den Hörenden außer sich geraten ließen. Dabei kannte er kein Forcieren und mied es ganz bewusst zugunsten einer Natürlichkeit, die das Gegebene anerkannte."

Persönlich lernte Fischer-Dieskau Furtwängler 1950 bei den Salzburger Festspielen kennen, als der junge Sänger, über gemeinsame Bekannte zu einem Vorsingen eingeladen wurde. Daran schlossen sich Auftritte mit Furtwängler im Brahms-Requiem in Wien und in den "Liedern eines fahrenden Gesellen" von Mahler in Salzburg an. Fischer-Dieskau beschreibt Furtwängler als durch und durch romantischen Künstlertypus, dessen Musizieren vergessen ließ, dass die Musik, die er dirigierte, gar nicht von ihm stammte. Dabei war Furtwängler auch Komponist - was für das Verständnis seines Musizierstils entscheidend sei, wie Fischer-Dieskau meint. Dass er sich als Komponist fühlte, immer als Mitleidender an Musik herantrat, mache den Unterschied seiner Wiedergaben zu denen der Nur-Interpreten aus. "Ein Leben lang ging das Komponieren als energisches Agens in sein Dirigieren ein."

Nüchtern analysiert Fischer-Dieskau Furtwänglers Haltung während der Nazizeit. An Beschönigung ist ihm bei aller Bewunderung für den Dirigenten nicht gelegen. Dennoch erscheint ihm Furtwängler nach dem Krieg auch ein wenig als Sündenbock-Figur.
"An Furtwänglers Verhalten machten vornehmlich viele, die notgedrungen im Ausland gelebt hatten, ihre verbitterte Enttäuschung fest. Die Konzessionen, die zahllosen Künstlern unter Hitlers Regime zugestanden wurden, um sich des Ruhmes zu bedienen, brachten im Fall Furtwängler gewaltige Teile der westlichen Welt gegen ihn auf."

Dietrich Fischer-Dieskaus nicht mal 100seitiges Büchlein über den großen Furtwängler ist natürlich keine Biographie. Es ist ein äußerst subjektives Erinnerungsbuch, eine späte Wieder-Annäherung an einen außergewöhnlichen Musiker, die letztlich auch offenbart, wie viel Furtwängler in Dieskau steckt.

Robert Jungwirth