Der Dokumentarfilm "Die singende Stadt" von Vadim Jendreykon über die Stuttgarter "Parsifal"-Produktion läuft ab 10.2. im Kino
Dass Gregg Baker, der Sänger des Amfortas, noch ein wenig mit der deutschen Sprache zu kämpfen hat, ist eher das geringste Problem bei den Probenarbeiten zum neuen Stuttgarter "Parsifal". Dennoch ist er während des Films einige Male dabei zu sehen, wie er sich zusammen mit der Studienleiterin mit der Passage "Nein, lasst ihn unenthüllt" abmüht, weil er als nicht Muttersprachler dazu tendiert, statt "unenthüllt" "und enthüllt" zu singen, was den Sinn nicht ganz trifft. Es ist der runnig gag dieser "Parsifal"-Doku. Problematischer ist allerdings die Frage nach den passenden Kostümen für den Chor, nachdem sich einige Damen und Herren entschieden weigern, sich nackt in durchsichtige Plastikfolie eingwickeln zu lassen. Doch wenige Wochen vor der Premiere ist keine Zeit mehr, neue Kostüme schneidern zu lassen.
Also muss improvisiert werden, was für Calixto Bieito, den katalanischen Regisseur mit den sprühenden Ideen, nicht wirklich ein Problem ist.
Viele Ideen kommen Bieito ohnehin erst während der Probenarbeit. Über die Voraussetzungen und Möglichkeiten, diese dann auch praktisch umzusetzen, macht er sich nicht so viele Gedanken. Dafür hat er ein Heer von Mitarbeitern um sich herum, Bühnen- und Kostümbildner, Requsitieure, Maskenbildner, Kunststofftechniker, Waffenmeister, Schreiner, Maler und viele mehr...
Vadim Jendreykos Film offenbart die Grundschwierigkeit einer jeden Opern-, ja einer jeden Theateraufführung: Die Kollision künstlerischer Ideen und Idealvorstellungen mit der theaterpraktischen Wirklichkeit, dem tatsächlich Machbaren. Doch der Film zeigt auch, dass sich gerade hier die Kreativität der Beteiligten entzündet, Künstler oder Techniker mitunter über sich hinauswachsen, getragen von der Begeisterung für die Sache.
Wie befestigt man Wachsköpfe auf Kinderköpfen ohne dass sie runterfallen, wie betätigt man einen Flammenwerfer auf der Bühne, ohne dass jemand oder etwas zu schaden kommt, wo bekommt man so ein Gerät überhaupt, wie verwendet man Sand, ohne dass der zwischen die Bühnenbretter in die Untermaschinerie gelangt und dort Schaden anrichtet so weiter und so fort. Einige von hunderten von Fragen, die bis zur Premiere geklärt sein wollen. Ach ja, und dann muß da ja auch noch gesungen und musiziert werden.
Jendreykos eineinhalbstündige Dokumentation, die vollständig ohne Autorentext auskommt, also nur Bild- und Tonmaterial von den Proben verwendet, demonstriert den ganz normalen Wahnsinn einer Opernproduktion, der hier vielleicht noch ein wenig verschärft ist, weil der Regisseur Calixto Bieito heißt.
Wie in einem Chaos aus Solisten, Choristen, Bühnenarbeitern, Solisten, aufzubauenden und umherfahrenden Bühnenbildelementen, Musikern, Chordirigenten, Studienleitern, Bühnenarbeitern, Schreinern, Malern und einem Heer von Assistenten jemals eine störungsfreie Opernaufführung werden soll, das kann sich wohl keiner so recht vorstellen, der diesen Film sieht. Und doch gibt es am Ende eine Premiere, eine sehr erfolgreiche sogar.
Es gehört zu den großen Geheimnissen nicht nur der Stuttgarter Oper, sondern jedes Operntheaters, dieses Wunder immer wieder zu ermöglichen.
Robert Jungwirth