Die Ära von Kent Nagano an der Bayerischen Staatsoper könnte 2013 beendet sein - ein Kommentar
Nikolaus Bachlers Bilanz nach 2 Jahren als Intendant der Bayerischen Staatsoper ist so herausragend nicht, dass er es sich erlauben können dürfte, seine Vertragsverlängerung an den Weggang von Kent Nagano zu knüpfen. Der zuständige Minister Wolfgang Heubisch sollte daher genau abwägen, wo die Stärken und Schwächen sowohl Naganos als auch Bachlers liegen, bevor er über deren jeweilige Zukunft in München entscheidet.
Bachler ist vor allem anderen ein wirkungsvoller Impressario seiner selbst. Er versteht es, sich als gelernter Schauspieler unüberseh und -hörbar in Szene zu setzen. Das kann und will Nagano nicht. Er ist ein Künstler der leisen, aber deshalb nicht weniger gewichtigen Töne.
Dass beide ziemlich gegensätzlich sind und manche Schwierigkeiten miteinander auszufechten haben, liegt auf der Hand. Das hat aber bislang ganz gut funktioniert. Über tiefere Verletzungen drang jedenfalls nichts nach draußen. Wenn Heubisch Nagano nun wohl nicht verlängern will (siehe Meldung auf KlassikInfo.de), gibt es jedenfalls dafür nicht nur Bachler als Grund. Soviel muß klar sein. Denn wirklich Sensationelles hat der Amerikaner an der Isar selten geboten. Die Neuinszenierungen von Poulencs Karmeliterinnen und Wagners Lohengrin gehören dazu. Wozzeck und Chowanschtschina nicht. Und auch die von Nagano initiierte Uraufführung von Unsuk Chins Alice in Wonderland war gelinde gesagt vernachlässigenswert. (Was für die von Bachler zu verantwortende Uraufführung von Eötvös' Tragödie des Teufels allerdings auch gilt.)
Man hat sich von Nagano in München durchaus und mit Recht mehr erhofft und dabei an dessen Erfolge in Salzburg, Berlin oder Lyon gedacht. Seltsamerweise konnte Nagano daran in München nicht anknüpfen. Was nicht am Publikum lag, das ihm sehr wohlwollend und respektvoll begegnete, obwohl in München Kulinarik generell mehr geschätzt wird als der Feingeist, für den Nagano eher steht.
So ist das zu erwartende Ende seines Münchner Engagements zwar bedauerlich, aber auch nicht wirklich verwunderlich. Und mit Kirill Petrenko - dem wohl aussichtsreichsten Kandidaten für die Nachfolge - könnte die Münchner Oper einem faszinierenden Talent, einen fantastischen Raum zur Entfaltung bieten. Selbstverständlich müßte er dann auch den neuen "Ring" in München und nicht in Bayreuth dirigieren.
Bachlers Raum zur Entfaltung sollte nach Naganos Ausscheiden nicht größer werden als er es schon ist. Denn auch sein Erfolg ist keineswegs überragend. Tiefpunkt bislang war die überflüssige Regiewiederbelebung der New Yorker "Tosca", mit der in der vergangenen Woche die Münchner Opernfestspiele szenisch absolut enttäuschend eröffnet wurden - "kläglich", nannte es die FAZ (siehe auch Kritik auf KlassikInfo.de).
Auch Lohengrin, die Festspielpremiere des Jahres 2009, war szenisch belanglos und ein Ärgernis. Manch andere Produktion Bachlers bietet ebensowenig Anlass für Begeisterungsstürme. Insofern sollte Heubisch sich auch Bachler vor der Vertragsverlängerung noch einmal zur Brust nehmen und ihn zu wirklich spannenden und qualitativ hoch stehenden Inszenierungen verpflichten. Regisseure dafür gibt es. Mit ach so innovativen Spielereien im supertollen Spaceshuttle vor dem Opernhaus ist es jedenfalls nicht getan. Vor allem bitte nicht noch einmal so etwas wie Tosca und nicht nocheinmal so etwas wie Lohengrin.
Am Geld kann es ja wohl auch nicht gelegen haben, davon hat die Münchner Oper mit all ihren spendablen Sponsoren wahrlich genug. Es lag an Bachler. Auch seine Vertragsverlängerung ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit.
Robert Jungwirth