Schöner scheitern durch Besitzgier

Geld macht schön, glaubt Maya (Hendrickje van Kerckhove) und freut sich über das Ableben von Fürst Holszanski (Jochen Kowalski) Foto: Wilfried Hösl / Theater an der Wien

Uraufführung von Johannes Kalitzkes Oper "Die Besessenen" im Theater an der Wien

(Wien, 19. Februar 2010) Da soll sich noch einer beschweren: Eine solche Häufung von neuen Opern gibt es - zumal in Wien -nicht oft. In der Kammeroper hatte am letzten Samstag in einer sehenswerten Aufführung Aribert Reimanns "Gespenstersonate" Premiere; an der Staatsoper wird am 28. Februar die neue Oper des nämlichen Kom­ponisten, "Medea", uraufgeführt, und mittendrin gab es eine zweite Ur­aufführung: Der deutsche Komponist und Dirigent Johannes Kalitzke ist nach drei Künstler­opern (mit großer Orchesterbesetzung) in ein neues Genre vorge­drungen und hat ein gesellschaftskritisches Gespenster- und Gruselstück, eine - nennen wir sie: "erweiterte" - Kammeroper für sieben Sänger und 25 Instru­menta­listen nach dem 1939 erschienenen Roman "Die Besessenen" des polnischen Dichters Witold Gombrowicz geschrieben. Sie hatte am 19. Februar Premiere.

Gombrowicz´ Romane üben eine starke Anziehung auf Komponisten aus. Zuletzt war bei den Wiener Festwochen 2009 Philippe Boesmans Vertonung  von "Yvonne, Prinzessin von Burgund" zu sehen. In der Bearbeitung der "Be­sesse­nen" durch den Librettisten Christoph Klimke wird das Heutige des Stoffes herausgearbeitet: Die Gier nach schnellem Reichtum, Liebesbeziehungen als gnadenlose Konkurrenzverhältnisse, eine geldgeile Mutter, ein perverser Ge­schäftsmann und ein auf verlorenem Posten stehender Kunsthistoriker - das könnte in der Tat das Personal für eine Antigeschichte zu den Hymnen auf die erfolgreichen Helden des neokoservativen Zeitalters sein.
Klimke komprimiert den Roman, gibt ihm eine übersichtliche Dramaturgie, aber er schärft die Sprache nicht. Sie wirkt - soweit die Sätze in der Auffühung überhaupt zu verstehen waren ?  bisweilen stumpf; zum Teil ist sie so voll mit Inhalt, das ihr Sinn in der Geschwindigkeit der Oper am Hörer vorbeirauscht. Selbst der Übertitel-Text kann das Problem nicht lösen.

Die Handlung: Die egozentrische junge Maja ist mit dem Hoffnungsträger Cholawicki liiert, der aus einem alten Schloß mit Hilfe einer Erbschaft (wert­vollen Gemälden, die er dem Schloßbesitzer, dem alten Fürsten Holszanski, abjagen will), ein herunterge­kommenes Hotel renovieren möchte. Das soll auch Majas geldgierige Mutter vor dem Bankrott retten. Der Fürst leidet darunter, dass er einst seinen Sohn verstoßen hat. Seitdem geistert ein schwarzes Hand­tuch durch das Schloß.
Maja verliebt sich in den Tennisspieler Leszczuk, mit dem (und den wertvollen Gemälden) sie fliehen will. Der Kunsthistoriker Skolinski, der die Kunst vor dem Kommerz retten möchte, taucht auf. Die Mutter setzt, da Chola­wickis Erb­schafts­pläne zu scheitern scheinen, auf einen neuen Reichen, Maliniak, mit dem sie Maja verkuppeln will. Dieser wird jedoch ermordet. Maja bringt den alten Fürsten dazu, zu glauben, dass sein Sohn im verziehen habe; Holszanski kann sterben. Chola­wicki verkauft die Bilder. Maja und Leszczuk trennen sich. Maja trägt sich mit dem Gedanken, sich in ein anderes, besseres Leben aufzu­machen.

Doch die Musik scheint etwas anderes anzudeuten. Sie plädiert für ein offenes Ende, spricht nicht von Hoff­nung. Sie erstirbt. Was Kalitzke am Stoff interessiert hat, ist, dass alle handelnden Personen an ihrer Besitzgier scheitern. Die positi­ve Figur, Skolinski, handelt nicht. Er kommentiert, ohne dass die Musik ihn besonders in den Vordergrund rücken würde.
Musikalisch ist die Oper auf rhythmischen Proportionen aufge­baut, die der Komponist auf der Basis von Primzahlen entwickelt hat. Das ergibt in der Konsequenz Unruhe, insbesondere im einleitenden Tennispiel zwischen Maja und Leszczuk, in dem "ein in verschiedenen Geschwindigkeiten auskom­poniertes Springen zwischen Polaritäten" (Kalitzkes) zu hören ist. Die unregel­mäßigen Längenverhältnissen dienen aber nicht als enges Reihenkorsett, sondern strukturieren die spontanen kompositorischen Einfälle und lassen auch ausgedehnte lyrische - aber mit fast musicalhaften Fragezeichen versehene - Abschnitte wie die Liebesszene zwi­schen Maja und Leszczuk zu Beginn des 2. Aktes zu, ebenso Anspie­lun­gen auf die Popmusik beim Verlobungsfest und auf die Polyphonie der Spätrenaissance, wenn von der "alten Zeit" die Rede ist.
Insgesamt ist Kalitzkes Musik trotz eines gewissen perkussiven Übergewichts farben­reich und voller Abwechslung, malt das schwarze Handtuch, das durch das Schloß geistert, recht plastisch aus und zeigt insbesondere in den Zwischen­spielen, welche die mit den Ortsveränderungen verbundenen Stimmungs­wech­sel herbeiführen, Kalitzkes Instrumentierungsfertigkeiten. Nicht zuletzt trägt die vielfältige Verwendung von Vierteltönen zur Farbigkeit der Musik bei. Das Klang­forum Wien hat dabei unter der Leitung des Komponisten einmal mehr Ge­legen­heit, seine Kompetenz in Sachen Neuer Musik herauszu­stellen.

Der Regie von Kasper Holten gelingt es nicht in allen Phasen, dem Geschehen Leben einzuhauchen. Das mag mit den Sängern zusammenhängen, aber auch mit der Intention des Komponisten, eher Szenen als Personen musikalisch zu charakterisieren. Was an Spannung zu gewinnen gewesen wäre, zeigt Jochen Kowalski als Fürst Holszanski. Immer, wenn er agiert, wird nicht nur packend gesungen, da lebt die Handlung auf, knistert es auf der Bühne.
Das Bühnenbild (Steffen Aarfing) situiert die Handlung in einem polnischen Supermarkt. Interessant wird das erst, wenn sich - sozusagen im 1. Stock - eine neue industrielle Röhrenwelt mit Anspielungen aufs 19. Jahrhundert auftut, in der Fürst Holszanski lebt.
Derek Weber

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