Dmitri Tcherniakovs bewegende Münchner Inszenierung von Poulencs "Dialogues des Carmelites" ist jetzt bei BelAir auf DVD erschienen
Allerorten werden sie jetzt aufgeführt: "Dialogues des Carmelites - Gespräche der Karmelitinnen", Francis Poulencs Oper von 1955 nach Novelle und Schauspiel von Georges Bernanos über 13 Nonnen, die in den Wirren der französischen Revolution den Gang aufs Schafott antreten müssen - 1960 verfilmt mit Jeanne Moreau. 2010 entkleidete Dmitri Tcherniakov in München die Geschichte vollständig des Habits - mit grandiosem Gewinn an psychologischer Glaubwürdigkeit.
Nach Produktionen unter Jan Latham-Koenig in Strasbourg (1999), in Mailand in der Inszenierung von Robert Carsen, dirigiert von Riccardo Muti (2004) und in Hamburg von Lehnhoff/Young (2008) - alle erschienen bei Arthaus - ist die Aufführung der Bayrischen Staatsoper die vierte auf DVD dokumentierte. Und sie ist mit Abstand die aufregendste: Ein hölzerner Kasten dreht sich nach der Anfangsszene auf die leere Bühne, in der Bruder und Vater (Alain Vernhes) mit der Entscheidung Blanches konfrontiert werden, ins Kloster zu gehen, um sich von ihrer Angst zu befreien. Wintergarten und Klause ist das und wird später zum Gefängnis.
Live war es schwierig, in dem oft sich wie von Geisterhand bewegten Haus genau mitzubekommen, wie die so unterschiedlichen Frauen in grauer, winterlicher Alltagskleidung miteinander kommunizieren, kochen, Handarbeiten verrichten, reden oder einfach nur da sitzen und zuhören. Aber prägnant aus den verschiedensten Perspektiven gefilmt von Andy Sommer, werden die Verwerfungen in diesem Frauenhaus überdeutlich, in das nur selten, dann aber umso katastrophaler, Männer hereinbrechen: der empfindsame, Bruder von Blanche (sehr differenziert: Bernhard Richter); oder Polizisten, die die Frauen ins Gefängnis führen. Am Ende sollen sie in ihrem mittlerweile mit Brettern verrammelten Haus vergast werden, Blanche verhindert das. Und während im Orchester das von Dirigent Kent Nagano so gut als möglich gedämpfte, aber eben komponierte 13-fache Niedersausen der Guillotine zu hören ist, wird eine nach der anderen hustend befreit, bis Blanche selbst mit dem Haus in die Luft fliegt, aber dann noch zu hören ist, wie die Stimme eines Engels, weshalb die Menschen ihren Blick erstaunt gen Himmel richten!
Susan Gritton singt und spielt eine berührende, herbe Blanche; Sylvie Brunet verkörpert mit enormem Mut zur Wahrhaftigkeit das häßliche, unwürdige Sterben der alten Priorin. Grandios auch Susanne Resmark als ebenso resolute wie selbstlose Mutter Marie. Lyrische Intensität verströmt Soile Isokoski als neue Priorin, jugendlichen Übermut Hélene Guilmette.
Kent Nagano hat mit dieser französischen Partitur erneut eine Musik gefunden, die ihm besonders liegt und die er mit dem Bayerischen Staatsorchester in all ihren Schattierungen bis in die hintersten Winkel ausleuchtet.
Klaus Kalchschmid