Giftige Nachtvögel

Max Zachrisson und Sayaka Kado als Otello und Desdemona Foto: Bettina Stöss

In seinem Tanztheater "Desde Otello" setzt sich Goyo Montero mit dem Thema Eifersucht und Gewalt auseinander

(Nürnberg, 18. Juli 2009) Das Grundproblem von Othello ist, dass er sich nicht gut genug für Desdemona fühlt, meint Goyo Montero. Ein eifersüchtiger Mann sei kein selbstbewusster Mann. Problematischer noch als die Eifersucht selbst ist freilich, was daraus folgen kann - siehe Othello und all die anderen Männer, die ihre Frauen in wahnhafter Eifersucht niedermetzeln. Vor einigen Jahren erschütterte eine Serie von Eifersuchtsmorden die spanische Öffentlichkeit: Reihenweise hatten Männer auf blutige Weise an ihren (vermeintlich oder tatsächlich) untreuen Frauen blutig Rache genommen. Diese Gewalt-Exzesse waren für Montero Ausgangspunkt für eine tänzerische Auseinandersetzung mit dem Thema Eifersucht und Gewalt. 2005 hatte sein Stück "Desde Otello" in Spanien Premiere, jetzt hat es Montero in Nürnberg, wo er seit einem Jahr Ballettchef ist, neu herausgebracht - mit neuer Ausstattung (Verena Hemmerlein).

Auf einen Bühnenprospekt projizierte Zeitungsmeldungen besagter Vorfälle in Spanien markieren zusammen mit einer dräuend unheimlichen Musik den düsteren Beginn. Eine Frau wimmert, weint, erst allmählich sieht man eine zusammengekauerte Figur in schwarz in der Bühnenmitte auf dem Boden hocken. Sie wird abgelöst von vier Paaren: stehende männliche Figuren mit einer Art Gitterumhang, darin - gefangen - vier weibliche Figuren. Eine intensive körperliche Auseinandersetzung zwischen An- und Abstoßung, Macht- und Ohnmacht beginnt - asynchron von den vier Paaren getanzt.

Montero findet für den (ungleichen) Geschlechterkampf eine starke Bewegungssprache, die gleichwohl auf Drastik verzichtet. Er belässt es lieber bei Andeutungen und künstlerischen Überhöhungen, wie auch später beim Tod Desdemonas. Und gewinnt gerade dadurch an Eindringlichkeit.

Dann der Schwenk zu Shakespeare, mit Musik von Monteverdi und Dowland lamentohaft umspielt. Wunderbar die Idee, die Figur des Jago zu verdoppeln und ihn zugleich als Alter Ego Othellos zu inszenieren: der nagende, bohrende Zweifel, der schreckliche Verdacht. Als schwarze, unheilvolle Nachtvögel umflattern sie Otello, injizieren ihm ihr schleichendes Gift: "O hüten Sie sich, Herr, vor Eifersucht!". Ausschnitte aus den Shakespeare-Texten sind dazu über Lautsprecher zu hören, rezitiert von Thomas Klenk. Max Zachrisson tanz die fortschreitenden Zerrüttungen in Otellos Psyche mit starker körperliche Expressivität - nicht minder beeindruckend die beiden Nachgestalten Hirotaka Seki und Saul Vega.

Die Desdemona von Sayaka Kado ist von Anfang als Opfer inszeniert - deshalb auch wird sie mehr getanzt als sie selber tanzt - was freilich eine nicht minder starke Körpersprache Kados beinhaltet. Immer wieder wird sie getragen, geworfen, gedreht, verdreht, arbeiten sich allerhand Figuren an ihr und mit ihr ab. Desdemona lässt es geschehen, macht es mit, in bester Absicht und Hoffnung, und doch bleibt sie hoffnungslos, nimmt das ihr aufgenötigte Verhängnis seinen Lauf. Die Ausweglosigkeit des Geschehens ist das Erschütternde in Shakespeares Stück. So auch in Monteros Choreographie.

Natürlich gibt es auch bei Montero innige Momente zwischen Othello und Desdemona, die die Liebe zwischen beiden ahnen lassen. Montero kreiert ungemein intensive körperliche Spannungszustände zwischen den beiden Figuren. Das ist interessantes, emotional berührendes (Tanz-)Theater. Entsprechend eindeutig fiel auch die Publikumsreaktion aus - stürmischer Beifall, der nicht enden wollte. Nürnberg mausert sich mit seinem Choreographen Goyo Montero zu einem Tanztheater-Mekka - nicht nur für Tanz-Freaks.

Robert Jungwirth

www.staatstheater-nuernberg.de/

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Ins Gästebuch eintragen

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Einträge

Keine Einträge im Gästebuch gefunden.