Nigel Lowery und René Jacobs mit Telemanns "Der geduldige Sokrates" bei den Innsbrucker Festwochen
(Innsbruck 12. August 2007) Alptraum oder Traum für einen Mann im antiken Athen? Auf dass der Nachschub an Kriegern reibungslos funktioniere, sollte Mann in jedem Fall zwei Frauen heiraten! Das zumindest behaupten - historisch wohl nicht ganz korrekt - Georg Philipp Telemann und sein Librettist Johann Ulrich König in ihrer 1721 in Hamburg uraufgeführten komischen Oper "Der geduldige Sokrates". Also muss der Philosoph nicht nur seinen sprichwörtlich gewordenen Hausdrachen Xantippe ertragen, sondern eine bislang in der Literatur nicht aktenkundige Dame namens Amitta. Auch ansonsten tritt das weibliche Geschlecht im Doppelpack auf: Rodisette und Edronica lieben Melito, doch der will von beiden nichts wissen, dafür ist ihnen Antippo auf den Fersen. Der Vater Melitos wiederum ist ein noch junger, knackiger Lebemann, den zwei Playboy-Häschen umtrippeln.
Nigel Lowery hat sich für seine Inszenierung zusammen mit dem Choreographen Amir Hosseinpour folgerichtig ein spiegelbildliches Einheitsbühnenbild in breitem, hellbraunem Resopal-Rahmen entworfen. Alles ist da zweimal identisch vorhanden: die breite, gut ausgestattete Küchenzeile mit Elektroherd samt Fenster aufs Meer und Bücherregalen bis zur Decke. Dazu der Ausblick auf Nebenräume, die als Fototapete unter künstlichen Weinranken dasselbe Bild zeigen wie der Eiserne und der Zwischenvorhang: ein Stilleben aus Büchern (darunter eine wohlbekannte Latein-Grammatik), Weinkorken, die Ruinen antiker Säulen darstellen, und ein Tempel aus Papp-Maché sowie diverse Matchbox-Autos. Zur Krönung: der Torso eines nackten Helden.
Anfangs glaubt man kaum, dass man diese Bühne von erlesener 50er-Jahre-Retro-Hässlichkeit und das unglaubliche Nichts an Handlung mehrere Stunden erträgt - dreieinviertel Stunden netto sind es trotz etlicher Kürzungen immerhin. Doch nach der zweiten Pause, wenn gerade ein ausgelassenes Schäfer-Fest gefeiert ward, tragen nicht nur alle adrett bukolische Kleidung und barfüßig hippe Sandalen im Antik-Look, sondern es stehen auch noch ausgestopfte Tiere auf der Bühne - Rehe, Füchse, Hasen, Ziegen - und zwei echte Pekinesen haben ihren großen, unnachahmlich komischen Auftritt. Das ist dann schon wieder so schräg, dass es in seiner Absurdität überwältigt.
Gleichzeitig wird die Ganzkörper-Taubstummen-Sprach-Gestik, mit der Amir Hosseinpour die Sänger bis zur Erschöpfung gedrillt haben muss und die Geduld des Publikums im Zuschauerraum bei fast jeder Arie noch mehr strapaziert als die des Sokrates auf der Bühne, endlich zugunsten von Personenregie zurückgedrängt. Text und Musik aber changieren nun immer virtuoser zwischen italienischer und deutscher Sprache, Opern-Stil à la Händel und kontrapunktischen Floskeln im Wechsel zwischen instrumentalen und vokalen Wendungen, in denen mit wunderbar zart ironischer Orgelbegleitung oder keuschen, weichen Blockflöten, obligaten Geigen oder Celli der Passionston des Thomas-Kantors zum Greifen nahe ist, es sozusagen Bach mit heiterem Text zu erleben gibt.