Im Mondlicht

Viel Verwirrung im klaren Licht des Mondes Foto: Silvia Lelli

Niccolò Jommellis Oper "Demofoonte" unter Riccardo Muti in Salzburg

(Salzburg, 29. Mai 2009) "Den letzten Großmeister der Opera Seria" nannte Ulrich Schreiber in seinem "Opernführer für Fortgeschrittene" Niccolò Jommelli (1714-1774) nicht zu unrecht und doch etwas pauschal. Denn zwischen den Fixsternen Händel und Mozart nehmen Jommellis Opern doch eine ganz eigene Stellung ein. Nach glanzvoller Karriere in Italien wirkte der gebürtige Neapolitaner von 1753 bis 1769 am Hof von Stuttgart als Kapellmeister. Dort erlebten die - auch in empfehlenswerten CD-Aufnahmen bei der Müchner Firma "Orfeo" verfügbaren - Opern "Didone abbandonata" (1763) und "Il vologeso" sowie "Fetonte" (1768) ihre Uraufführung. Zurückgekehrt in seine Geburtsstadt, folgten kurz vor einem Schlaganfall 1770 "Armida abbandonata" (als CD bei ambroise) und "Demofoonte". Neben Bearbeitungen früherer Werke folgte danach noch "Il tronfo di Clelia", nach deren erfolgreicher Lissaboner Uraufführung den Komponisten schon bald der Tod ereilte.

Jommelli schuf nicht selten neue, oft stark abweichende Fassungen seiner Opern für verschiedene Städte und Auftraggeber. So ist auch "Demofoonte", der jetzt in der Neapolitanischen Version von 1770 bei den Pfingstfestspielen in Salzburg wieder aufgeführt wurde, bereits für Padua (1743), Mailand (1753) und Stuttgart (1764) komponiert worden. Das 1733 geschriebene Libretto Metastasios freilich sollte bis ins 19. Jahrhundert von 73 (!) Komponisten, darunter Gluck, Galuppi, Hasse und - als erster - Caldara, vertont werden.

Zur Handlung: Thrakerkönig Demofoonte ist durch Götterspruch verpflichtet, alljährlich eine Jungfrau zu opfern. Das dafür vorgesehene Mädchen ist jedoch bereits heimlich mit dem Thronfolger Timante verheiratet - schon dies ein Sakrileg - und hat ihm einen Sohn geboren hat. Timante wiederum soll aus Staatsräson mit der Prinzessin Creusa der verfeindeten Thraker vermählt werden. Die dramatischen Verwirrungen und die der Gefühle - Gefangennahme und bewaffnete Befreiung Dirceas; einander widersprechende Dokumenten um falsche Identitäten und bei der Geburt vertauschte Kinder - nehmen ihren Lauf bis es zum "lieto fine", also dem (fast) unweigerlichen Happy End in Opern des 18. Jahrhunderts kommt.

Eine zumindest musikalisch spannende Wiederentdeckung war im "Haus für Mozart" zu erleben, denn trotz manch' musikalischen Leerlaufs, und Stellen bloß brillanter und trotz einiger in den Proportionen etwas unglücklich langer Arien, beweist Jommelli vor allem im zweiten Akt ein bemerkenswertes dramatisches Gespür und musikalische Meisterschaft, vor allem in der Verschränkung verschiedener Arten des Rezitativs mit ariosen Formen.

Höhepunkt der gesamten Oper ist ein großes Rezitativ und die Lamento-Arie der Hauptfigur Dircea ("Se tutti i mali miei io ti potessi dir"), in der die Linien der Orchesterbegleitung und der Singstimme sich wunderbar vielfältig überlagern, treffen und wieder auseinanderdriften, immer wechseln faszinierend Tempi und Tonart. Wie überhaupt die reiche Orchesterbehandlung die große operngeschichtliche Neuerung in Jommellis Schaffen darstellt. Da darf man getrost an Mozart denken, dessen große opera seria "Mitridate" im selben Jahr wie "Demofoonte" uraufgeführt wurde, der aber Jommelli nicht besonders schätzte.

Immer wieder überrascht der Italiener mit derartigen Preziosen; und im zweiten Akt hat sich endlich auch die Nervosität der großteils sehr jungen Sänger angesichts ihrer außergewöhnlich anspruchsvollen Partien gelegt, wird Intonation und sinnvolle Phrasierung immer sicherer; haucht überdies Riccardo Muti der Partitur endlich mehr Leben ein. Allzu gepflegt, weich und wenig aufregend klang das ebenfalls durchweg aus jungen Musikern bestehende, von ihm gegründete Orchestra Giovanile Luigi Cherubini.

Glücklicherweise gelingt es dem exzellenten 30-jährigen russischen Tenor Dmitri Korchak in der Titelrolle, nicht nur mit schönem, gut geführtem und höhensicherem Tenor zu singen, sondern ebenso zu spielen. Die Sopranistin Irena Bespalovaite als phrygische Prinzessin Creusa hat eine ähnliche Bühnenpräsenz und gesangliche Fähigkeiten. Immer prägnanter und präziser agieren auch Maria Grazia Schiavo (Dircea) und die sizilianische Mezzosopranistin Josè Maria Lo Monaco (Timante); Valentina Coladonato überzeugt in einer kleinen Rolle: als Cherinto, Sohn Demofoontes. Zwei Countertenöre bietet die Aufführung außerdem: den leider nicht allzu farben- und körperreich singenden Antonio Giovannini in der Rolle von Matusio, dem vermeintlichen Vaters von Dircea, und den erst 23-jährigen Rumänen Valer Barna-Sabadus als Adrasto, den Kommandanten der königlichen Wache. In seiner Arie zu Beginn des dritten Akts muss er mehrfach in eisige Sopranhöhen klettern, was ihm erstaunlich locker und selbstverständlich gelingt.

Schwachpunkt des Abends blieb freilich die allzu blasse Inszenierung Cesare Lievis im bloß dekorativen Bühnenbild von Margerita Palli - ein nach hinten gekippter, surrealer Raum aus Rundbögen und Säulen. Im Herumklettern darauf bestehen 2/3 der Regie. Blumentöpfe werden bepflanzt, Orangen gewogen und für gut befunden, schicke Koffer von glatzköpfigen Statisten über die Bühne getragen oder von den Protagonisten benutzt. Und damit eine Arie kurzweiliger werde, wechselt als Ersatz prägnanter Personenregie mehrfach das Licht - meist ins abendlich leuchtendes Blau und wieder zurück. Oder es scheint Abendsonne oder Mondlicht herein, werden einzelne Stühle oder Bänke beleuchtet, als säße da jemand an einem Schalter mit Dimmer in der exquisiten Möbelabteilung eines Kaufhauses.

Klaus Kalchschmid

Weitere Aufführung am Sonntag, 31. Mai (19.30 Uhr).

Karten unter www.salzburgfestival.de