Brittens "Death in Venice" erstmals auf englisch in München - am Gärtnerplatztheater
(München, 20. Juni 2009) Ist Gustav von Aschenbach, der gebildete, erfolgreiche Schriftsteller, der sich in einer Sinn- und Sprachkrise befindet, und in der Schönheit eines Knaben zu neuer Vitalität und einem rauschhaften Erleben in Gedanken findet, am Ende mit sich im Reinen oder stirbt er in Verzweiflung und Einsamkeit. Bei Britten bleibt dies offen. Regisseur Immo Karaman lässt ihn am Ende allein in seinem engen Studierzimmer mit Sessel und Wandlampe, während er die letzte Begegnung mit Tadzio am Strand nur als für das Publikum unsichbare Vision im Kopf erlebt. Auch wenn sich die Rückwand dieses "Studiolo" immer wieder vervielfacht und in einen Saal erweitert, in dem einige Schauplätze angedeutet werden, kommt der Dichter Gustav Aschenbach in Benjamin Brittens letzter Oper "Death in Venice" nach Thomas Manns gleichnamiger Novelle am Münchner Gärtnerplatztheater aus seinem Elfenbeinturm nicht heraus.
Karaman zeigt, dass der alternde Mann (sehr differenziert mit weichen, warmen, hellen Farben gesungen von Hans-Jürgen Schöpflin) seine Reise nach Venedig nur in der Vorstellung antritt. Dann begegnet er dem schönen Tadzio (in der Premiere der 14-jährige Tänzer Michael Langner), dem er verfällt, und dessen Freund Jaschiu (Onur Birsoy); dann erlebt er die Alptraumvision vom goldglänzenden Gott Apoll (der muskulöse, sinnlich singende Countertenor Yossemeh Adjei), um den die beiden Jungen wie Trabanten tanzen; erlebt, wie ihm Strassensänger eine Schreibmaschine zum Dinner auftischen und ihn vor Allen der Lächerlichkeit preisgeben; fantasiert er eine Cholera-Epidemie und stellt sich vor, wie die Welt zugrunde geht, während er und Tadzio übrig bleiben.
Regisseur und Ausstattungsteam (Bühne: Kaspar Zwimpfer, Kostüme: Nicola Reichert) bewegen sich geschickt zwischen Realismus, Überzeichung und Symbolhaftem. Da werden die verspielten Hotelboys in ihren aufreizend roten, schmucken Uniformen mit einem Mal zu halbnackten Faunen; bekommen die elegant und teuer gekleideten Hotelgäste immer fratzenhaftere Züge; gleitet Aschenbachs Vorstellungswelt ins wahnhaft Verzeichnete. Gräber erweisen sich als Koffer oder aus dem Symbol für Vollendung, dem roten Ball im Zentrum eines Spiels zwischen Tadzio und Jaschiu, wird die goldene Kugel Apolls - schließlich ad absurdum geführt in den zahllosen zerknüllten Manuskripten Aschenbachs. Die Choreographie von Fabian Posca gibt nicht nur der Begegnung der beiden Jungen ein klassizistisches Gepräge, sondern nimmt, wie die ganze Inszenierung, eine maßvolle Mitte ein, in der Ausbrüche umso deutlicher wahrnehmbar sind.
Gary Martin singt die sechs Männer, die Aschenbach bedrängen (Reisender, Alter Geck, Gondoliere, Friseur, Anführer der Straßensänger und Stimme des Dionysos), mit der rechten Portion Bösartigkeit, Geilheit und Falschheit in Stimme und Spiel. Das Staatstheater am Gärtnerplatz kann - mit Ausnahme von den beiden Gästen in der Titelpartie und als Apoll - außerdem mit einem guten Chor punkten und die zahlreichen kleineren und mittleren Rollen ebenfalls adäquat mit Ensemblemitgliedern besetzen: Florian Simson, Holger Ohlmann, Daniel Fiolka, Robert Sellier, Sybilla Duffe oder Frances Lucey.
Dirigent David Stahl findet das rechte Maß zwischen Abstraktion und Expression für die subtilen Linien und zarten Pastellfarben der Partitur, über der stets ein Schleier des Todes liegt, vermag aber auch die raffinierten dramatischen Zuspitzungen gut zu dosieren. Wenn das Orchester noch vertrauter mit der heiklen, oft sehr kargen Partitur ist, dürften Unsicherheiten in den Streicher-Unisoni oder in der Klangbalance verschwunden sein.
Klaus Kalchschmid
Weitere Aufführungen am 23. Juni, 1., 7., 19., 24., 27. und 30. Juli 2009. www.gaertnerplatztheater.de
Stadtspaziergänge mit Dirk Heißerer auf den Spuren Thomas Manns und seiner literarischen Figur Gustav von Aschenbach finden am 21. und 26. Juni sowie 17. und 19. Juli jeweils von 15 -17 Uhr statt. Im Preis von 10 Euro sind kurze Spaziergänge im Herzogpark und in Schwabing sowie Bus- und U-Bahn-Fahrten inbegriffen. Treffpunkt: Kufsteiner Platz (am Diana-Brunnen). Endpunkt: Nordfriedhof. Reservierung unter Telefon 21 85 19 60.