Zum Sterben schön

Daniel Harding Foto: Eisuke Miyoshi

Daniel Harding und Renaud Capucon beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

(München, 30. Januar 2009) Eigenwillige künstlerische Handschriften von Dirigenten in Konzertprogrammen gibt es leider nicht wirklich häufig. Die allermeisten Programme laufen nach dem gleichen Schema ab: kurzes einleitendes Orchesterstück, Solokonzert, große Symphonie. Mit Thomas Hengelbrock und Daniel Harding hat das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks jetzt in Folge zwei Dirigenten eingeladen, die dieser angestaubten Abfolge etwas völlig anderes entgegen setzten. Hengelbrock unterbrach die Abfolge von Frank Martins "Polyptyque" für Violine und zwei Streichorchester durch Choräle von Johann Sebastian Bach.
Harding stellte Alban Bergs requiemhaftes Violinkonzert - dem Andenken an Alma Mahlers Tochter Manon Gropius gewidmet - in einen Kontext mit anderen, höchst unterschiedlichen Trauermusiken: der Tondichtung "Tod und Verklärung" von Richard Strauss, der "Maurerischen Trauermusik" von Wolfgang Amadeus Mozart, außerdem, wenn auch keine genuine Trauermusik, Jean Sibelius' siebte Symphonie.

Harding, der bislang zwar wenig Strauss, dafür umso mehr Mahler dirigiert hat, ließ sich mit einer wunderbaren Mischung aus klanglicher Emphase und klaren dramaturgischen Vorstellungen auf dieses ominöse "Abschiedswerk" des erst 25-jährigen Strauss in. Dabei war die Komposition noch nicht einmal durch etwaige äußere Ereignisse im Leben von Strauss motiviert; es ist einzig und allein dem künstlerischen Ausdrucksbedürfnis des jungen genialen Musikers geschuldet, der einfach das Bedürfnis hatte, das Verdämmern eines Menschen, sein Ankämpfen gegen Krankheit und Verfall in Töne zu fassen. Und doch stellte der alte, seinem Ende entgegenblickende Richard Strauss in den letzten Tagen seines Lebens fest, dass er mit diesem Stück doch genau das getroffen habe, worum es beim Sterben gehe.

Entgegen anderen Tondichtungen, wie "Don Juan" oder "Heldenleben" klingt in "Tod und Verklärung" mehr schwelgerisches Pathos durch, eine klangliche Kulinarik, die manchmal gar an Puccini erinnert, die mitunter auch etwas effekthascherisch wirkt. Harding fand mit den phänomenal disponierten BR-Symphonikern aber den richtigen Ton zwischen allzu großer Süßlichkeit und wilder, ungestüm auffahrender Geste.
Leider hing er dieser Klangvorstellung auch in der nachfolgenden Sibelius-Symphonie noch etwas nach, was dazu führte, dass die Vielgestaltigkeit der verzweigten Musiksprache des Finnen nicht zum Tragen kam. Auch wenn das breite Melos von Sibelius' Naturtonmalerei samtig-dunkel hervorströmte, wirkten manche Stellen "unterbelichtet", etwa jene mit volksmusikalischen Elementen.

Den zwei Schwergewichten folgte nach der Pause die kleine, circa fünfminütige "Maurerische Trauermusik" von Mozart, die dieser aus Anlass des Todes zweier Logenbrüder komponiert hatte. Ein eigentümliches Stück, das bereits auf das Requiem voraus weist, das in diesem Konzert aber doch mehr als Fremdkörper, denn als klangliche Bereicherung erfahrbar wurde. Denn Harding und dem Orchester gelang es nach all der rauschenden Klangopulenz nur bedingt, sich auf die erforderliche Feinzeichnung in dieser Musik einzustellen. Interessante Parallele zum Strauss-Stück: Beide Werke beginnen in c-moll und enden in C-Dur.

Anders Alban Bergs Violinkonzert, in dem Harding sehr genau die Balance zwischen romantischer Geste und der Abstraktion der musikalischen Faktur fand. Fast ein wenig zu nachdrücklich stellte Renaud Capucon hier die Intensität und Ausdrucksfülle seines Soloparts heraus, was zu einer Art Dauererregungszustand führte, der das Zurückgenommene, das Introspektive der Komposition mitunter überlagerte. Dennoch beeindruckte Capucon mit kraftvoll glühender Tongebung und einem sensiblen Miteinander mit dem Orchester. Begeisterter Applaus.

Heinrich Grün