Zauber der stillen Verzweiflung

Daniel Behle betört mit Schuberts "Die schöne Müllerin" im Münchner Cuvilliès-Theater und auf CD

(München, 28. Januar 2012) Ein junger Bursche, wohl keine 17 Jahre alt, Müller-Geselle und das erste Mal verliebt, betet ein Mädchen, die Tochter seines Meisters, an. Doch Schuberts 20-teiliger Zyklus erzählt in der ersten Hälfte der Lieder von vergeblicher Annäherung, kein Wort wird gewechselt, der Müller-Bursche vertraut sich stattdessen "seinem" Bach an, spricht mit dem Wasser des Mühlrads, dessen Bewegung musikalisch immer gegenwärtig ist. Allmählich wird dem Jungen klar, dass sein Objekt der Verehrung, des Verliebtseins und vielleicht auch des Begehrens wohl das Falsche ist. Er lässt Verzweiflung, Wut, Aggression zu und stirbt am Ende doch - zumindest symbolisch - einen nassen Tod in den Armen des "blauen kristallen Kämmerlein", das ihm ein Wiegenlied singt.

Wer glaubt, die "Winterreise" sei Schuberts depressiverer Zyklus, der lässt sich irreführen durch den vermeintlich leichten Ton der "Müllerin". Doch so wie Daniel Behle die Stationen des Müller-Burschen durchlebt, sie voller Anteilnahme "erzählt" und dafür unendlich viele Nuancen findet; so wird klar, dass sich da wie nebenbei eine große Tragödie ereignet. Mehr noch als auf der (im Juni 2009) im Studio aufgenommenen, berückenden CD des heute 38-jährigen, der mit seinem ausnehmend schön timbrierten, ungemein jugendlich klingenden lyrischen Tenor in allen Lagen einen feinen, warmen Glanz verströmt, hört man live immer wieder leise sich öffnende und schließende, aber um so tiefere Abgründe.

Behle beginnt mit beiläufigem Parlando, um dann in fast jedem Lied den Tonfall leicht zu variieren, mal ganz Legato singend, mal eher in Phrasen, mal einzelne Worte betonend, um so Schattierungen erlebbar zu machen, die oft übergangen werden. Etwa wenn am Ende des fünften Liedes der Meister seinen Gesellen gegenüber sonor betont: "Euer Werk hat mir gefallen" und seine Tochter "allen eine gute Nacht" wünscht, dann klingt das bei Daniel Behle bereits wie ein Todesurteil. Nicht ihm, allen wünscht das Mädchen das Beste; er existiert für sie nicht. Schubert komponiert dieses frühe Ende und Behle singt die wissende Betrübnis eines Abgewiesenen mit großer Klarheit. Dutzendfach könnte man Beispiele für diese selten gewordene Lied-Kunst aufzählen, die sogar über das hinausgeht, was einst ein Dietrich Fischer-Dieskau machte und selbst Fritz Wunderlichs wundersame Naivität und Beseeltheit scheinen mit einem Mal historisch.

Sveinung Bjelland "begleitet" am Flügel weniger, als dass er seine instrumentalen Stimmen so sehr mit der vokalen verzahnt, dass man beim Hören nicht nur einem symbiotischen Lied-Duo lauscht, sondern manchmal glaubt, gleich zwei "Sängern" zuzuhören.
Wie auf der CD gab es als Zugabe "Auf dem Strom" mit obligatem Horn (Ab Koster) - auch dies war Liedkunst vom Feinsten! Und da das Cuvilliès-Theater restlos ausverkauft war, gibt es bereits am 17. April einen weiteren Liederabend mit Daniel Behle in München, diesmal im Prinzregententheater: mit Schumanns "Dichterliebe", Beethovens "An die ferne Geliebte", Edvard Griegs op. 48 und Liedern von Richard Strauss.

Klaus Kalchschmid   
 


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