Here and there and everywhere

Daniel Barenboim Foto: Richard Schuster

Daniel Barenboim ist mit "seiner" Staatskapelle Berlin auf Gastspielreise

(Köln, 17. Januar 2012) Über Herbert von Karajan kursiert eine wirklich köstliche Anekdote. Auf die Frage eines Taxichauffeurs, wohin er denn gefahren werden wolle, antwortete der Maestro: "Egal, ich werde überall gebraucht." Bei Daniel Barenboim scheint das langsam Realität zu werden. Obwohl er seine mittlerweile zwei Jahrzehnte währende Tätigkeit als GMD der Staatsoper Berlin vor einiger Zeit verlängerte, hat er der Mailänder Scala zugesagt, die Stelle des Musikdirektors zu übernehmen (Präsenzpflicht: vier Monate). Obwohl er bereits mit Anfang 30 in seine heute dominierende Dirigiertätigkeit einzusteigen begann (Orchestre de Paris, Chicago Symphony Orchestra, 18 Jahre Bayreuth, enge Bindung zu den Berliner Philharmonikern u.v.a.) hat Barenboim auch noch seine Pianistenkarriere beibehalten, in allen nur vorstellbaren Varianten. Dass er vor einiger Zeit Anna Netrebko bei einem russisch gefärbten Liederabend begleitete ("arte" zeichnete das auf), ist zwar auch Indiz für vermarktungsstrategisches Selbstbewusstsein, vor allem aber Nachweis für einen bis heute ungebrochenen, ja fast unheimlichen Fleiß. Auch der private Bereich (Ehen, Kinder) ist von Musik nachgerade infiltriert.

Barenboim ist jemand, der Öffentlichkeit nachhaltig in Anspruch nimmt, als Musiker wie auch als politischer Friedenssucher. 2001 wagte der Wagner-Enthusiast jüdischer Abstammung in Israel das "Tristan"-Vorspiel (als Überraschungs-Zugabe) aufzuführen - ein Eklat. Auch andere Aktionen haben dem Dirigenten immer wieder Kritik von Hardliner-Diskutanten eingebracht. Doch das alles zerstiebt in Staub vor einem unglaublichen Projekt: 1999 gründete Barenboim zusammen mit dem Literaturwissenschaftler Edward Said das West-East Divan Orchestra, eine Vereinigung junger Musiker aus Israel, Libanon, Ägypten, Syrien, Jordanien und Spanien, Nationen. Hier wird Musik zu einem echten Botschafter der Humanität.
Ende August war das Orchester für mehrere Tage mit einem Zyklus sämtlicher Beethoven-Sinfonien in der Kölner Philharmonie zu Gast. Eine CD-Veröffentlichung ist angekündigt. Jetzt kehrte Barenboim mit der Staatskapelle Berlin wieder, und zwar mit einem Programm, welches zum einen die Personalunion Pianist/Dirigent unterstrich, aber auch ein (trotz vermehrtem Engagement für zeitgenössische Musik ? am 31.3. "Lulu"-Premiere" in Berlin) klassisch-romantisches Repertoire dezidiert persönlicher Prägung spiegelte: Mozarts Krönungskonzert (KV 537) und Bruckners "Romantische".

Mozart-Konzerte hat Barenboim bereits in den Jahren um 1970 (schon hier "zweigleisig")  mit dem English Chamber Orchestra auf Platte aufgenommen; Wiederholung in der zweiten Hälfte der Neunziger mit den Berliner Philharmonikern. Hinzu kommen Liveaufnahmen von 1970 aus München unter Rafael Kubelik. Bruckner-Aufnahmen aus der Frühzeit umfassen  (wiederum mit dem English Chamber Orchestra) die Messen 2 und 3. Den kompletten Sinfonien-Zyklus ging Barenboim zwischen 1972 und 1981 in Chicago an, ab 1990 bei den Berliner Philharmonikern, hier allerdings ohne die "Nullte".
Die "Romantische" realisierte Daniel Barenboim in Köln mit aller nur denkbaren Entflammtheit. Sein Stil tendiert in Richtung Furtwängler (welcher den jungen Daniel schätzte) und Klemperer (Aufnahmen der Beethoven-Klavierkonzerte): drängende Leidenschaft gepaart mit starkem agogischen Pathos, durchsetzt mit impulsiv dramatischen Steigerungen. Die Streicher blühten mit satter Wärme auf (speziell im Andante), glühten im Kopfsatz mit intensiver Leuchtkraft. Metallisch schneidende Akkorde kamen von den Bläsern, welche auch Barenboims überraschend zupackendes Tempo im Jagd-Scherzo mühelos realisierten. Ein Sonderlob dem sensibel intonierenden ersten Hornisten.

Bei Mozart versuchte Barenboim gar nicht erst, sich an irgendwelche Tendenzen der historisierenden Aufführungspraxis anzuhängen. Er huldigte einem zwar luziden, aber doch klangüppigen Stil, konnte sich in jedem Moment auf seine Musiker verlassen, ohne ihnen gestenreich Weisungen geben zu müssen. Die pianistische Gangart: wissend, durchlichtet, freilich ohne eine wirklich individuelle Note. Nach dem gewaltigen Bruckner aber nicht weiter nachwirkend.

Christoph Zimmermann


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