Würdigung von John Cranko

"The Lady and the Fool": Ambra Vallo, Tyrone Singleton, Foto: Birmingham Royal Ballet

Mit einer phänomenalen Gala erinnert die Münchner Ballettfestwoche an den großen Choreographen John Cranko

(München, 16. April 2008) Was für eine fantastische Gala! Und was für eine großartige Hommage an einen der kreativsten Choreographen des vergangenen Jahrhunderts. Nur knappe fünf Jahre war John Cranko Chefchoreograph an der Bayerischen Staatsoper, doch dies hat ausgereicht, hier so viele Impulse zu setzen, dass davon noch heute die inzwischen zum Staatsballett aufgestiegene Compagnie und auch das Publikum zehren können.

Das von Cranko 1968 einstudierte Ballett "Romeo und Julia" zur Musik von Sergej Prokofjew ist neben "Der Widerspenstigen Zähmung" und dem "Onegin" bis heute ununterbrochen im Repertoire und begeistert Tänzer und Zuschauer gleichermaßen. Den 40. Geburtstag dieser Münchner Arbeit sowie den 80. Geburtstag Crankos im vergangenen Jahr nahm Ballettdirektor Ivan Liska zum Anlaß einer groß angelegten Retrospektive mit Teilen aus nicht weniger als 13 Werken John Crankos. Unterstützt wurde das Bayerische Staatsballett dabei von Tänzerinnen und Tänzern des Royal Ballet Birmingham, des Stuttgarter Balletts, an dem Cranko hauptsächlich wirkte, vom National Ballet Kanada, dem American Ballet Theatre New York und Studenten der Münchner Ballett-Akademie.

Letztere begannen den Abend mit dem wunderbar leicht und heiter wirkenden, grazilen Witz verströmenden "Salade" zu Musik von Darius Milhaud, das Cranko 1968 für Stuttgart kreierte.
Das nachfolgende sehr frühe Stück "The Lady and the Fool" zu Musik von Verdi aus dem Jahr 1954 ist freilich noch sehr romantisch geprägt, während "Katalyse" von 1968 zu Schostakowitschs erstem Klavierkonzert ein fantastisches geometrisches Vexierspiel vorstellt, mit unerwarteten Begegnungen und Wendungen.

Es würde Seiten füllen, wollte man jedes einzelne der dargebotenen Stücke beschreiben und kommentieren. Herausragend waren gewiß der Pas de Deux aus dem 3. Akt "Schwanensee" mit Roberta Fernandes und dem Stuttgarter Friedemann Vogel, der Pas de Deux aus dem 1. Akt der "Widerspenstigen Zähmung" mit Greta Hodgkinson und Alen Bottani vom National Ballet Kanada sowie die technisch atemberaubende "Legende" zu Wieniawskis "Legende für Violinie und Orchester" mit Lucia Lacarra und Marlon Dino (Bayerisches Staatsballett).
Alle Stücke begleitete das Bayerische Staatsorchester unter Myron Romanul als verlässlicher Partner (Solovioline: Jewgeni Schuk).

Würdigungen John Crankos gab es an diesem Abend auch auf nichttänzerische Art: Ballettdirektor Liska erzählte zwischen den Stücken von seinen Begegnungen mit dem großen Choreographen, dasselbe taten die ehemalige Primaballerina und gewesene Münchner Ballettdirektorin Konstanze Vernon sowie der Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Rose, der von Cranko zu Beginn seiner Karriere wichtige Anregungen erhielt und davon heute noch so beeindruckt ist, dass Liska den nicht enden wollenden Redefluss Roses durch sanften Druck unterbrechen musste.
Ein großer Abend, der heute, 19.30 Uhr wiederholt wird - nicht verpassen!

Robert Jungwirth