"Ich, Cosima" von Joachim Köhler
Claassen Verlag, 384 Seiten, 22 Euro
Eigentlich hat sie mit ihrem Leben bereits abgeschlossen, hat sich zurückgezogen von der Öffentlichkeit, auch von ihrer Familie. Im Rollstuhl sitzend, in sich gekehrt, sinniert Cosima Wagner über sich und ihr Leben, tagelang, wochenlang. Als Gesprächspartner dient ihr ein Papagei. Der ist zwar schon längst tot, aber man hat ihn ihr ausgestopft wieder ins Zimmer gestellt, ohne daß sie es bemerkt hat. Doch nocheinmal durchbricht die 86jährige Witwe Richard Wagners die Schleier ihrer Agonie. Ihr Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain hatte ihr voller Begeisterung von einem überaus begabten politischen Redner aus dem österreichischen Braunau erzählt, einem ehemaligen Soldaten, der ein Wagnerianer sei und Deutschland aus seiner politischen Unfreiheit führen und erneuern wolle, ganz so wie Chamberlain und sie es sich immer erträumt hatten. Schließlich ist es so weit, die greise Herrscherin von Bayreuth und der zukünftige "Führer" Deutschlands sitzen sich für ein kurzes Gespräch gegenüber. Ob es jemals zu einem solchen Treffen gekommen ist, ist fraglich. Eindeutige Belege dafür gibt es nicht. In Joachim Köhlers Cosima-Roman ist das Treffen zwischen Cosima und Hitler also Fiktion. Tatsache ist allerdings ein Treffen zwischen Chamberlain und Hitler in Bayreuth, nach dem sich Chamberlain begeistert über Hitler äußerte.
Auf den rund 400 Seiten davor entwirft Joachim Köhler einen psychologisch eindringlichen, fundierten und versierten Lebensrückblick aus der Perspektive Cosima Wagners. Ein Leben voll Entbehrungen und Enttäuschungen. Vernachlässigt und zur Seite geschoben von den Eltern, dem Tastenlöwen und Salontiger Franz Liszt und der französischen Gräfin Marie D'Agoult, verbringen Cosima und ihre Geschwister Blandine und Daniel ihre Kindheit und Jugend unter der Fuchtel von misanthropischen Gouvernanten. Die Begegnung mit dem Dirigenten Hans von Bülow erscheint der jungen Frau als Rettung aus ihrem Gefängnis. "Als ich ihn zum erstenmal erblickte, war ich hingerissen. Er trat mit der Selbstsicherheit eines Musketiers auf, wie er mir aus Dumas' Romanen bekannt war. Der strenge Pagenschnitt, der Knebelbart, die chevalereske Haltung und dazu eine männliche Stimme, die den "preußischen Kasionton" beherrschte, paßten zum Idealbild eines Edelmanns, wie ihn sich Mädchen in meiner Lage erträumten." Cosima heiratet Bülow und zieht zu ihm nach Berlin. Doch die Ehe gerät zum Desaster. Schließlich die Affäre mit Richard Wagner: "Das Schicksal half, Dein Einladungsbrief nach Starnberg traf ein. Ich las ihn mehrmals, da ich nicht glauben konnte, daß es jetzt ernst wurde. (...) es gab eine Notwendigkeit, der wir beide uns nicht mehr entziehen konnten. Diese Erkenntnis, das wußte ich, hatte ich dir voraus, die 26Jährige dem 51Jährigen." Köhler zeichnet in seinem biografischen Roman, der sich auf die Briefe, Tagebücher und Aufzeichnungen Cosimas stützt, das Bild einer leidgeprüften aber nichtsdestotrotz willensstarken Frau. Keineswegs war Cosima das nur aufopferungsvolle Wesen an Wagners Seite, als das man sie bis heute gerne sieht. Vielmehr erscheint sie als komplexe, zerrissene und widersprüchliche Persönlichkeit, in der sich das Bild einer zerrissenen Epoche spiegelt. Köhler gelingt es, dies ohne jede Sentimentalität in einer Mischung aus Einfühlsamkeit und analytischer Klarheit darzustellen.
R. Jungwirth