CD-Anthologien bei Orfeo, EMI, RCA, Deutsche Grammophon und Arthaus
Richard Wagners OEuvre gehörte sicher nicht zu Christa Ludwigs Kernrepertoire, aber ihre Gesamtaufnahmen als Venus und Kundry unter Solti (Decca) möchte man doch um keinen Preis missen. Schöner - und erotischer! - hat das auf Platte niemand gesungen. Und wer jetzt in die EMI-Box hineinhört oder in die RCA-Hommage, der findet großartige Einspielungen von Isoldes Liebestod, der Wesendonck-Lieder (unter Klemperer) und sogar den Schlussgesang aus der "Götterdämmerung".
Auch wer die exzellente Mahler-Sängerin Ludwig etwa mit Rückerts "Ich bin der Welt abhanden gekommen" in Aufnahmen von 1957 (EMI) und 1992 (RCA) - live mit den Wiener Philharmonikern unter Muti - vergleichen möchte, hat dazu in den Anthologien aus Anlass von Christa Ludwigs 80. Geburtstag Gelegenheit. Er bekommt sogar den halbstündigen "Abschied" aus dem "Lied von der Erde" geboten (EMI) und erinnert sich bei dieser Musik und den entsprechenden Texten vielleicht wehmütig an "die" Ludwig, als sie 1985 zur Eröffnung der Münchner Philharmonie Mahlers "Urlicht" in der zweiten Symphonie sang. Ein Mitschnitt unter Bernstein (1967) ist auf dem RCA-Album zu finden, ein zwanzig Jahre später entstandener, ebenfalls unter Bernstein, auf der bei Deutsche Grammophon erschienenen persönliche Widmung der großen Mezzosopranistin an "Meine Dirigenten".
Hier stehen auf 3 CDs Werke im Mittelpunkt, die sie mit Karl Böhm ("Così", "Figaro", "Rosenkavalier", "Tristan"), Herbert von Karajan (Verdi, Puccini, Strauss) und Leonard Bernstein aufgenommen hat. Am schönsten vielleicht der wunderbare Mahler unter Bernstein und zwei seiner eigene Werke, die Christa Ludwig mit ungeheurer Expression (erste Symphonie), aber auch bestechendem Humor ("Candide") singen konnte.
Von 1946 bis 1994 stand Christa Ludwig, geboren am 16. März 1928 in Berlin, auf der Bühne - von einem ersten Orlowsky in der "Fledermaus" bis zur allerletzten Klytämnestra in "Elektra" am 14. Dezember 1994 in Wien. Einen Auszug aus dieser Abschiedsvorstellung findet man am Ende der höchst ergiebigen Orfeo-Box (3 CDs), die der Opernsängerin gewidmet ist. In großteils noch unveröffentlichten Mitschnitten aus der Wiener Staatsoper kann man Christa Ludwig in 22 verschiedenen Rollen von Cherubino im "Figaro" und den "Ariadne"-Komponisten (1955) über zwei großartige Szenen aus "Tannhäuser" und "Lohengrin", die "Wozzeck"-Marie (beides mit Walter Berry) und Verdis Lady Macbeth bis zur Titelrolle im für sie komponierten "Besuch der alten Dame" von Gottfried von Einem hören! Das ganze musikalische und nicht nur sängerische Spektrum der Mezzosopranistin wird da vor dem begeisterten Ohr ausgebreitet. Hier finden sich auch zwei Ausschnitte aus "Carmen" von 1966 an der Seite von James King und Eberhard Waechter unter Leitung von Lorin Maazel, die Orfeo gleichzeitig als Gesamtaufnahme veröffentlichte.
Die 5 EMI-CDs "The Art of Christa Ludwig" sind dagegen streng thematisch geordnet und versammeln ausschließlich Aufnahmen der 50er und 60er Jahre. Darunter eine ganze Brahms-Platte, aber auch Französisches und ein Norma-Duett an der Seite von Maria Callas aus der wunderbaren Gesamtaufnahme von 1960!
Die Doppel-CD bei RCA bietet ein großes Spektrum von 1961 bis 1994 und mischt kühn, aber nicht willkürlich, Oper und Lied, alte Studio- und späte Live-Aufnahmen. Hier sticht neben der souveränen, glanzvollen Brünnhilde von 1964 die große irrlichternd virtuos gestaltete Szene der Hexe aus "Hänsel und Gretel" (1971) heraus. Noch in den hier dazwischengestreuten Lied-Aufnahmen von 1994 ist eine vollkommen intakte Stimme und eine reife, uneitle Gestaltung zu hören. Auf zwei Arthaus-DVDs stehen sogar gleich ganze Liederabende aus diesem Jahr (aufgenommen in Athen, darunter "Die Winterreise") im Zentrum. Daneben geben Auszüge aus Masterclasses (1999) Aufschluss über die Lehrerin Christa Ludwig.
Klaus Kalchschmid