Auf Chopins Spuren

Frédéric Chopin zum 200. Geburtstag auf CD und in zwei Biographien

Mehr als jedes andere Komponisten-Jubiläum der letzten Jahre hat Chopins 200. Geburtstag, den er selbst mit dem 1. März 1810 angab, während der nachträgliche Eintrag im Taufregister auf den 22. Februar lautet, die CD-Firmen inspiriert. In zwei 16 bzw. 17 CDs umfassenden Boxen - für den Preis von je nur um die 40 Euro - haben EMI und Deutsche Grammophon das vollständige Werk herausgebracht. Dazu sind auf Einzel-CDs bemerkenswerte, bislang unveröffentlichte Aufnahmen aus den 50er und 60er Jahren mit Martha Argerich oder Friedrich Gulda erschienen. Auch die jüngere Generation erweist sich als von Chopin infiziert: eine CD von Alexandre Tharaud ("Journal intime") mit einer ganz persönlichen, auch sehr introvertiert gespielten Auswahl folgt seiner hervorragenden Einspielung der Préludes; eine schöne Gesamtaufnahme der Walzer von Alice Sara Ott stehen Mazurken mit Anna Gourari oder Kammermusik mit dem jungen Cellisten Andreas Brantelid gegenüber. Zwei neue Biographien konkurrieren ebenfalls um die Gunst des Lesers, Hörers, Chopin-Liebhabers und Klavier-Fans.

"Chopin oder die Sehnsucht" heißt Eva Gesine Baurs bei C.H. Beck erschienene Biographie und leider man muss bedauern, dass diesmal im gleichen Verlag kein kleines feines Bändchen der Reihe C.H. Becks Wissen erschienen ist - wie etwa über Mozart, Händel oder Mendelssohn. Denn irgendwann beginnen Baurs locker flockiger Erzählstil auf 540 Seiten und ihre zahlreichen Spekulationen über Chopins mögliche amouröse Affären zu langweilen. Da ist Adam Zamoyskis erst vor kurzem auf Englisch unter dem Titel "Chopin, Prince of the Romantics" erschienenes Buch, das nun - exzellent von Nathalie Lemmens übersetzt - als "Chopin, Der Poet am Klavier" (Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann) auf Deutsch herauskam, weitaus informativer. Es enthält auf 340 Seiten mehr Fakten und ist dennoch, oder gerade deshalb eminent farbig geschrieben. Chopins Charakter erscheint plastisch zwischen Empfindsamkeit, Öffentlichkeitsscheu, Humor und einer Launenhaftigkeit, die hervorgerufen wurde durch die verschiedenen Phasen seiner beinahe lebenslangen Tuberkulose-Krankheit. Das Kapitel über George Sand - die ebenfalls brillant porträtiert wird - und den Komponisten auf Mallorca liest sich wie das Drehbuch zu einem Film, bei dem man selbst mitspielt. Zudem gibt der Autor für alle Zitate Quellenangaben und ist spürbar nahe an seinem Gegenstand, diskutiert Spekulationen als solche und hat doch manchmal auch ironische Distanz. Allerdings sind auch bei Zamayski die musikalischen Beschreibungen und Wertungen mit Vorsicht zu genießen. In der Gewichtung und Abwägung der biographischen Quellen ist er allerdings bestechend. Durchaus hilfreich ist außerdem ein ausführliches chronologisches Werkverzeichnis, das auch als Orientierungshilfe für die beiden CD-Boxen mit dem Gesamtwerk dienen kann, denn die Opus-Zahlen stiften wegen vieler erst posthum veröffentlichter früher Werke nur Verwirrung.

Welche der beiden Boxen empfehlenswerter ist, kann kaum entschieden werden, so vielfältig ist die Zusammenstellung. Ein Drittel der EMI-Box bestreitet allein Garrick Ohlson, 1970 der erste Amerikaner, der den Warschauer Chopin-Wettbewerb gewann. Die Klavierkonzerte, Prelúdes, Nocturnes und Polonaisen spielt er hier in Aufnahmen von 1972 bis 1975 stets mit enormem Gespür für feine Nuanchen, ohne ins Romantisieren zu verfallen. Chopin light im besten Sinne gewissermaßen, nicht zuletzt in seiner Aufnahme des ersten Klavierkonzert, das bei Krystian Zimmerman 25 Jahre später (DG) viel gewichtiger und pathetischer, im langsamen Satz aber auch ganz traumverloren und im Finale wunderbar plastisch und lebendig klingt. Die Lieder gibt es ebenfalls mit Ohlson auf CD, in einer erst 1999 entstandenen Aufnahme mit Ewa Podles beim kleinen Label Arabesque Records. In der EMI-Box ist eine fast schon historisch zu nennende Einspielung aus dem Jahr 1955 enthalten mit der Mezzosopranistin Eugenia Zareska. Sehr zart fast spielerisch klingen die meisten Lieder hier. Hinzu kommen Alexis Weissenberg, Ronald Smith, Cécile Ousset, Andrei Gavrilov und Agustin Anievas. Letzterer mit einer wunderbaren Aufnahme der Walzer aus dem Jahr 1969, vielleicht nur übertroffen von Dinu Lipatti, dessen Einspielung von 1950 immer noch Gültigkeit besitzt, wenn auch klangtechnisch gewöhnungsbedürftig und leider leicht verzerrt. Die jüngste Aufnahme der Box stammt vom November 2009. Sie beglückt mit dem Cello-Spiel von Andreas Brantelid an der Seite von Vilde Frang und Marianna Shirinyan: Das Trio op. 8 und das Grand Duo sind eine Auskoppelung der neuen EMI-CD, die mit dem 23-jährigen Dänen auch die späte, gewaltige, herbe, ausufernde Cello-Sonate enthält, superbe Aufnahmen, bei denen das Cello immer herrlich weich, sonor und selbst bei den ganz hohen Tönen perfekt intoniert klingt; wie übrigens auch - ein Geheimtipp - die 2007 erschienene Aufnahme mit Julian Arp (Genuin).

Die DG-Box ist zu großen Teilen nicht weniger hochkarätig, die Aufnahmen sind fast durchweg neueren Datums, also zum überwiegenden  Teil aus den 90er Jahren, die Solisten dem nicht Spezialisten vielleicht bekannter als die der EMI-Box: Maurizio Pollini spielt die Etüden, die Scherzi und die letzten beiden Sonaten, zu recht seit langem hochgerühmte Aufnahmen, die in ihrer Klarheit ihresgleichen suchen. Spannend ist der Vergleich mit seiner neuesten Chopin-CD, die die opera 33-35 und 38 enthält, eine insgesamt kraftvollere, sehr majestätische b-moll-Sonate und wunderbar farbige Mazurken und Walzer. Schade, dass man dafür in der DG-Box auf Vladimir Aszkenazys Aufnahmen aus den frühen 80ern zurückgriff. Dafür sind die Nocturnes mit Maria João Pires leuchtende Juwelen der Chopin-Interpretation. Krystian Zimmerman (Klavierkonzerte, Balladen), Martha Argerich, Claudio Arrau und Anatol Ugorski ergänzen die Box. Die junge Generation ist auf einer CD mit Rafal Blechacz (Préludes) und Yundi Li (Impromptus) vertreten; Mstislav Rostropovich und das Beaux Arts Trio prägen die Kammermusik, ein Juwel sind aber auch die Lieder mit Elzbieta Smytka und Malcolm Martineau.

Groß ist das Spektrum einer Doppel-CD mit bisher unveröffentlichten Live-Aufnahmen Friedrich Guldas aus den Jahren 1954 bis 1986, nun von seinem Sohn Paul kompiliert. So wurde etwa der komplette Zyklus der 24 Préludes ganz bewußt aus Mitschnitten von zwei Konzerten in Zürich und Graz auf zwei verschiedenen Flügeln zusammengefügt. Enthalten sind unter anderem die vier Balladen (Buenos Aires 1956) und die legendäre Aufnahme des ersten Klavierkonzerts von 1954 unter Adrian Boult, für die Gulda statt der 46 Minuten - wie Zimmerman in seiner Aufnahme -  nur 37 Minuten braucht. "Epitaph für eine Liebe" (Wien 1986), eine "Improvisations-Performance", die auch Gedichte H.C. Artmanns enthielt und mit dem schwer lastenden c-moll-Prelude begann, ist eine wunderbare Hommage des (auch) Jazz-Pianisten und Wieners an Chopin, vom Sohn auf 21 Minuten komprimiert. Martha Argerichs frühe, bislang unveröffentlichte Mitschnitte (DG) ergänzen das Bild ihrer Studioaufnahmen ebenfalls aufs Schönste. Man höre nur den Livemitschnitt der h-moll-Sonate vom 15. März 1967 aus der Berliner Musikhochschule. Aufregender, klarer, aber auch differenzierter und feiner in den dynamischen und agogischen Abstufungen kann man das nicht spielen.
                            
Klaus Kalchschmid

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