Die Farben einer Liebeserklärung

Fünf bemerkenswerte Chopin-Aufnahmen bereichern den Plattenmarkt: Der polnische Chopininterpret Adam Harasiewicz meldet sich als 80jähriger nach langem Schweigen mit einer Aufnahme zurück, der Trierer Pianist Alexander Lonquich präsentiert Chopins zweites Klavierkonzert in f-moll auf einem historischen Érard-Flügel von 1949, begleitet vom Orchestre des Champs-Élysées unter Philippe Herreweghe.
Philippe Herreweghe hat auch am Dirigentenpult bei der offiziellen Gedenkmesse zum Chopinjahr 2010 am 17. Oktober in der Heilig Kreuzkirche zu Warschau gestanden - Die Messe ist jetzt auf DVD nach zu erleben. Chopin ist auch ein Anliegen für die polnische Pianistin Ewa Kupiec. Ihre jüngsten Chopin-Aufnahmen kommen allerdings nicht aus Polen, sondern von australischen Radioanstalten: eine Serie von Nocturnes. Und eine CD mit den beiden Klavierkonzerten, die sie mit zwei unterschiedlichen Orchester aufgenommen hat, wobei das erstgezählte Konzert op. 11 in e-moll bereits 2005 in Melbourne entstanden ist. Neu ist also nicht gleich neu.

Nur ein Jahr zuvor sind die beiden Klavierkonzerte mit ihr als Solistin mit dem Radio Philharmonie Saarbrücken unter Stanisław Skrowczewski aufgenommen worden und bei Oehms Classic erschienen. Die Tempi im f-moll-Konzert sind bei beiden Aufnahmen fast identisch - aber feiner und plastischer entwickeln sich die Orchesterlinien im Vorspiel unter dem polnischen Dirigenten, draufgängerischer und oberflächlicher beim Tasmanian Symphony Orchestra (Leitung Sebastian Lang-Lessing) auf der neuen CD. Unterschiedlich ist der Einstieg der Solistin. Nachdenklich, fragender dort, hier forscher und selbstbetonter. Das Klavier ist in der australischen Aufnahme mikrophontechnisch weiter in den Vordergrund gerückt. Das ist Geschmackssache. Ewa Kupiec zählt - gar keine Frage - zu den klangschön und kantabel spielenden Pianisten. Und das ist sie in beiden Aufnahmen, und auch auf ihrer neuen Nocturne-CD, wenn gleich das Visionäre eines Maurizio Pollini fehlt. Kupiec lässt lieber den genau ausgespielten Notentext mit feiner Anschlagskultur aufleuchten. Ein Vergleich der Interpretationen des cis-moll Nocturnes op. 27 Nummer 1 macht den Unterschied zwischen einer Kupiec und einem Pollini deutlich. Pollini macht aus den triolischen Akkordbrechungen der linken Hand ein atmosphärisches Huschen, das die Halbtonrückung in der rechten Hand irrlichtern lässt. Die Kupiec spielt die Akkordbrechung aus, die Halbtonrückung wird zur timiden Fragestellung. Beides hat seinen Charme.

Deutlichkeit, beziehungsweise deutliches Ausspielen scheint ein polnisches Interpretationsanliegen im Chopin'schen Repertoire überhaupt zu sein. Alles hat seinen richtigen Platz in den Interpretationen von Adam Harasiewicz. In der h-moll Sonate hält er das Rubato-Sentiment stets im Zaum. Aber er entfesselt ohne Anlauf das aberwitzigste Leggierospiel. Der Doyen der Chopin-Interpretation hat 1955 mit 23 Jahren die 5. Auflage des Chopinwettbewerbs gewonnen, im Chopin-Jubiläumsjahr 1960 Chopins Klavierkonzerte mit dem New York Philharmonic Orchestra unter Stanisław Skrowczewski in der United Nations Hall aufgeführt, und im gleichen Jahr hat er auch an der ersten und fast komplettierten Chopin-Gesamtaufnahme zu arbeiten begonnen. Mehr als 50 Jahre später klingt seine Polonaise in fis moll op. 44 immer noch so kraftvoll, belegt Schumann berühmtes Wort von Chopins Klavierwerken, die "wie unter Blumen eingesenkte Kanonen seien". Und seit damals hat Harasiewicz auch Legionen an jungen Pianisten auf ihren Weg gebracht.

Der junge österreichische Pianist Ingolf Wunder, der beim letzten Chopin-Wettbewerb den zweiten Platz belegt hat, behauptete, von seinem Lehrer Adam Harasiewicz alles für seine Chopininterpretationen gelernt zu haben. Aber vielleicht fehlte ihm doch noch eine wichtige Erfahrung. Das Spiel auf einem historischen Chopinflügel! Denn Chopin kannte weder die Steinway- noch die Kawai-, Yamaha- oder Faziolimodelle, die heute während des Wettbewerbs auf die Bühne rollen. Als Martha Argerich während des letzten Wettbewerbs einen Érardflügel von 1849 ausprobierte - das Modell, auf dem Chopin gespielt hat und das im Besitz vom Chopin Institut ist - habe sie Maria João Pirez gewarnt: "Der hat doch nur zwei Farben, du spielt aber mit allen Farben dieser Welt!" Nach dem Spiel war sie überrascht und musste zugeben: "Ich habe alle Farben gehört!" Vielleicht sollte zukünftig auch einmal ein historischer Flügel auf die Bühne rollen.

Auf diesem Érardflügel hat Alexander Lonquich jetzt das f-moll Klavierkonzert von Chopin eingespielt. Und diese Aufnahme überrascht von allen hier vorgestellten am meisten. Die schneller verklingenden Einzeltöne verlangen eine viel genauere Artikulation. Dieser Flügel, bei dem sämtliche Saiten - auch die Basssaiten parallel liegen und daher nicht übereinander gekreuzt schwingen, was das feine Obertonspektrum unterstützt, reagiert aber noch einmal ganz besonders auf Alexander Lonquichs Spiel. Seine Spielweise ist nuanciert und hochpoetisch. Im zweiten Satz, angeblich eine Liebeserklärung an Konstancja Gładkowska, Chopins erster großer Liebe, entwickelt jeder Ton, ob in der Tiefe oder in der Höhe, im Triller, in einer abklingenden oder aufsteigenden Linie ein unglaubliches Farbenspektrum. Jede Phrase singt. Das Orchestere des Champs-Élysées begleitet einfühlsam, zurück genommen, liefert wenn nötig ein samtweiches Polster, oder bringt eine wichtige Begleitstimme heraus. Und macht auch einmal Hörkino und tritt mit einem aufgeregten Orchestertremolo in den Vordergrund. Keine der von Lonquich manchmal wirklich extrem genommenen Rubati, auf die Generalpausen fast zwingend folgen, wirken maniriert. Der Krakowjak im letzten Satz tanzt, nein hüpft ganz fein und Chopinesk. Alexander Lonquich ist übrigens gleichermaßen auf modernen wie auf historischen Flügeln zuhause. Spannend wäre es, ihn einmal auf einem modernen Flügel mit demselben Konzert zu hören. Diese Aufnahme ist wie die mit Adam Harasiewicz und die DVD mit dem Titel "Hommage à Chopin" vom Frederic Chopin Institut herausgegeben worden. Da fährt zu tröpfelnden Tönen des "Regentropfenprelude" die Kamera durch eine Schlange Wartender vor dem Eingang und hoch hinauf an der barocken Frontfassade und zum golden leuchtenden Kreuz der Heilig Kreuzkirche in Warschau. In dieser Kirche liegt Chopins Herz in den hellweiß getünchten Mauern einer Säule begraben und wird als Reliquie verehrt. Wo dein Schatz liegt ist auch dein Herz steht auf polnisch auf der Grabinschrift, die mit Blumengebinden geziert ist. Und da sitzen die eben Wartenden zu Ehren von Chopin. Wie sehr die Musik Chopins das Nationalgefühl der Polen noch heute repräsentiert mag dahingestellt sein. An diesem 17. Oktober füllt die Gedenkmesse die Kirche. Das Publikum lauscht gebannt den Sätzen aus Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem wie auch der lateinisch vorgetragenen Liturgie. Sowohl das Credo als auch das Pater noster wird übrigens auf lateinisch von der Messgemeinde mitgesprochen.

Sabine Weber