CD "Entre Nous - Celebrating Offenbach"
Opera Rara ORR 243, LC 00691
Paris um 1860: eine glanzvolle Stadt, Synonym für Unterhaltung und vergnügungssüchtiges Leben. Auf den mondänen Boulevards reihen sich Cafés und Theater aneinander, die ersten Luxushotels entstehen, Gebäude aus Eisen und Glas und die eben erfundenen Gaslaternen spiegeln den technischen Fortschritt wider. Mitten hinein in diese glitzernde Welt führt die Offenbach-Doppel-CD aus dem Hause "Opera Rara". Sie versammelt Arien und Ensembles aus unbekannten Opern des Komponisten.
Der hatte im Jahr der ersten Pariser Weltausstellung, 1855, sein eigenes Theater gegründet, das "Bouffes-Parisiens". Es wurde buchstäblich über Nacht zu einem Publikumsmagneten. Und Offenbach komponierte wie am Fließband, insgesamt schrieb er über 100 Bühnenwerke: anspruchsvolle und geistreiche Musik - nicht umsonst nannte man ihn den "Mozart der Champs-Elysées" -, voller eingängiger Melodien und gespickt mit witzigen instrumentalen Effekten. Viele davon sind schon bald in der musikalischen Mottenkiste verschwunden - aber manchmal lohnt es sich eben, darin ein bisschen herumzukramen. Und das tun die Mitarbeiter von "Opera Rara" mit Vorliebe. Seit mehr als 30 Jahren bemüht sich das englische Label um vergessene Schätze des Opern-Repertoires, die sorgfältig produziert und mit aufwändigen, liebevoll gestalteten Booklets versehen werden.
Für "Celebrating Offenbach" hat "Opera Rara" ausgesprochen wirkungsvolle Arien und Ensembles zutage gefördert, zum Beispiel aus "Le Voyage dans la lune" ("Die Reise zum Mond"), in der ein Raumschiff in Gestalt einer überdimensionalen Tabaksdose Prinz Caprice auf den Mond und zu dessen sonderbaren Bewohnern befördert; aus "La Diva", einer Hommage an Offenbachs Lieblings-Darstellerin Hortense Schneider; oder auch aus "Le Roi Carotte" ("König Mohrrübe"), wo aufmüpfiges Gemüse die Regentschaft von König Fridolin übernimmt. Diese Stücke aus Offenbachs gesamter Schaffenszeit lassen ein kaleidoskopisches Bild seiner musikalischen Welt entstehen.
Und die einzelnen Nummern sind durchwegs hervorragend besetzt. Vom London Philharmonic Orchestra unter David Parry würde man sich an der einen oder anderen Stelle etwas mehr orchestrales Feuer wünschen, aber dafür spielt das Orchester sehr organisch und mit mozarthafter Leichtigkeit. In der hochkarätigen Solisten-Riege finden sich ein paar Newcomer, vor allem aber viele bekannte und bewährte Sänger - die großartige Mezzo-Sopranistin Jennifer Larmore zum Beispiel und Alastair Miles mit seiner klangmächtigen Bass-Stimme, die australische Händel-Spezialistin Yvonne Kerry und der südafrikanisch-britische Tenor Colin Lee, eines der Zugpferde von "Opera Rara". Sie alle singen mit hörbarer Lust an der Komik der Werke - Offenbach hätte sicher seine Freude gehabt.
Eva Blaskewitz