Die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf brachte die Tragédie mise en musique "Castor et Pollux" von Jean-Philippe Rameau heraus - inszeniert von Choreograph Martin Schläpfer
(Düsseldorf, 28. Januar 2012) Bei Hector Berlioz findet sich die süffisante Bemerkung, dass ein Franzose selbst noch für die Aufführung vom Jüngsten Gericht einen Grund dafür findet, auf der Bühne tanzen zu müssen. Seit ungefähr 1670 ist der Tanz in französischen Opern unverzichtbar. Nicht selten hat man daher auch von ballet statt von Oper gesprochen. Zwei solcher Opernballette von Jean-Philippe Rameaus bekam das Düsseldorfer Opernpublikum in den letzten zwei Jahren geboten (das Comédie-Ballet "Les Paladins" und das Ballet-Bouffon "Platée"). In diesem Januar endet der Düsseldorfer Rameau-Zyklus mit der Tragédie mise en musique "Castor et Pollux". Aber auch in diesem großen Bühnenwerk von 1737 ist der Tanz essentiell. In den Passepieds, den Menuetten oder fetzigen Tambourins, die in jedem der fünf Akte einen musikalischen Höhepunkt liefern. Insofern ist es logisch, dass der Hauschoreograph Martin Schläpfer die Choreographie übernimmt. Er hat daraus sein Opernregiedebüt gemacht.
Und - wen wundert es - von Anfang an dominieren die Tänzer. Nicht nur in den Divertissements, sondern auch während der Choreinlagen und den solistischen Airs setzt Schläpfer Tänzer als Verdopplungen oder Verdreifachungen der singenden Protagonisten ein. Sie verrenken sich für die inneren Gefühlszustände in dramatisch überzogenen Gesten, meist in atemberaubenden Tempi. Sie üben sich im ironisierenden Posentanz auf High Heels, wirbeln mit schnörkelnden Händen und touchierenden Fußspitzen. Sie sind Bewegungsmotoren, wenn sie sich als Schatten vereinen. Die Tänzer in grauen Kittelschürzen und schwarzen Sportschuhe laufen immer wieder zu einem virtuosen Körperheer auf. Zu einem Breakdance beispielsweise beim berühmte Tambourin im Prologue, das den Cembalisten aus Rameaus Pièces de clavecin en concert bekannt sein dürfte.
Ein Choreograph vom Format eines Schläpfers gibt sich natürlich nicht mit beiläufigen oder schmückenden Bewegungen ab. Allerdings hat es den Anschein, dass er die Musik auch überkorrigieren will. Mit dem virtuosen Aktionismus zieht er Rameaus Bühnenwerk als dramatische Krafteinheit in Zweifel. Auf die Kraft der Musik geht er nicht ein. Das Spiel um die Liebe, das die Götter hier schon im Prologue pflegen, um die Welt zu befrieden, das dann die Frauen nutzen, um die Männer zu beeinflussen, das zwei Brüder adelt, weil der eine dem anderen einen Teil seiner Unsterblichkeit schenkt, es lebt von einer perfekt formalisierten und idealisierten Musiksprache. Wenn der Blitz geschleudert wird, verlangt das eine gewisse Schreibweise. Und auch eine heroische Musik oder eine sanfte. Ist die Musik "tendre" wird sie von Flöten oder Violinen begleitet. Gerade der Formzwang erzeugt den feinen poetischen Charme zwischen den gesprochenen Worten. Melodien werden mit Verzierungen geschmückt - auf französische Agréments - was wortwörtlich übersetzt Annehmlichkeiten bedeutet. Wer die Worte nicht versteht, versteht trotzdem, was in den Sängern vorgeht, wenn er die poetische Formensprache versteht.
Die Musik muss dem Ohr schmeicheln - das war ein Grundsatz der französischen Ästhetik. Rameaus Orchesterbehandlung war diesbezüglich sogar revolutionär, weil er das Klangspektrum gespreizt, Kontrabässe eingeführt und Piccoloflöten mit obligaten Stimmen betraut hat. Zwei Fagotte als eigenständig geführte Melodiefarbe (Deuxième Menuet, Prologue) waren damals etwas Außergewöhnliches. Auch der Chor ist vielfach eingebunden, und das in einem Leichenzug gleich am Beginn des ersten Akts. Wegen solcher Novitäten gab es Widersacher bei der Uraufführung 1737. "Castor et Pollux" wird aber im Buffonistenstreit 20 Jahre später für die französische Sache gegen die italienische Musik ins Feld geführt. Dass es sich hier um ein Schlüsselwerk der französischen Operngeschichte handelt, muss das Publikum vielleicht nicht hören. Aber die wunderbare Air "Tristes apprêts, pâles flambeaux" von Télaire kling in dem hoch energetischen Raum so verloren. Die Tanzmacht verbraucht die Sinne, die für die feinen Nuancen nötig gewesen wären. Und sie bringt das musikalische Personal in die Defensive.
Wenn die Götter in diesem antiken Drama, Jupiter und Amor auf Kothurnen hoch stehen - in diesem Zusammenhang stehen sie auf gehhinderlichen Schuhklötzen. Venus im Prologue steckt in einem überdimensionierten, nach unten zulaufenden Kegelrock. Mit Mars im Klonkrieger-Outfit bewegungslos auf einem Sprungbrett. Den Menschen geht jede Erhabenheit ab. Die Sänger in weißer Fliegerseidenhosen mit Muscle-Shirt, die Damen in geschmackvoll designten weißen Seidenkleidern, sie stehen eher hilflos herum. Auf einer Bühne, die rosalie zu einem surrealistischen Raum mit nach vorne über dem Orchestergraben abreißenden Brettern dargestellt hat. Im Hintergrund eine Wand aus überdimensionalisierten grau-weißen Strohhalmen, die je nach Szene in Farbe getaucht werden. Zweimal reißt die Wand auf, um Stelzen-Jupiter durchzulassen. In der Unterweltszene sitzt Castor dann auf überdimensionalen Schminkpads - leider viel zu weit im Bühnenhintergrund. Die Balance zwischen Singstimme und Begleitung gerät aus dem Lot.
Die Tempi in der auf historischen Instrumenten aufspielenden Neuen Düsseldorfer Hofkapelle unter der Leitung von GMD Axel Kober wirken in den Tänzen rasant, in den Rezitativen und auch Airs mit den ständigen Tempi- und Stimmungswechseln aber nicht flüssig - was vielleicht der optischen Dauerüberflutung geschuldet ist, die dem Ohr das Zurückschalten ins "tendre" oder wenig spektakuläre Rezitative nur mit Continuo-Begleitung erschwert. Die sängerischen Leistungen sind allesamt gut, eine bezaubernde Télaire (Alma Sadé), ein den Stimmambitus des Baritons weit überschreitender Günes Gürle als Pollux. Stimmlich überzeugt auch Jussi Myllys mit der Castorpartie. Christophe Gay als Mars artikuliert als einziger ein verständliches Französisch. Den meisten Applaus bekommen natürlich die Tänzer. Die Schluss-Chaconne nutzt Schläpfer für eine großartiges Showdown. Mit dieser Produktion erfahren die Düsseldorfer Opernfans nicht unbedingt, welche musikalische Größe Rameau gewesen ist, aber welches Potential das Tanzensemble im Haus hat.
Sabine Weber
Nächste Aufführungen am 31. Januar, am 2., 4., 15., 18., 23 Februar (jeweils Beginn 19.30 , am 26. Februar (Beginn 18.30)