Genese eines Welthits

Titelseite der mittelalterlichen Handschrift des codex buranus im Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek

Eine Ausstellung des Münchner Orff-Zentrums beleuchtet Carl Orffs "Carmina Burana" 75 Jahre nach der Uraufführung

(München, im Juni 2012) Auch 75 Jahre nach der Uraufführung von Carl Orffs "Carmina Burana" ist der Erfolg dieser Komposition ungebrochen. In den Aufführungsstatistiken rangieren die "Carmina" sogar noch vor Beethovens Neunter oder Händels "Messias".
Grund genug, diesem Werk im Jubiläumsjahr 2012 eine Ausstellung über Entstehung und Wirkung zu widmen. Und wer wäre dafür prädestinierter als das Orff-Zentrum München, die zentrale Anlaufstelle in Sachen Orff-Forschung. Auch der Ort der Präsentation ist passend gewählt: die Bayerische Staatsbibliothek, in der sowohl die Originalhandschrift des mittelalterlichen "codex buranus" als auch der Autograph von Orffs "Carmina" - als Leihgabe der Orff-Stiftung - lagern. Aus konservatorischen Gründen sind in der Ausstellung leider nur die Faksimiles von beiden Werken zu sehen.
Die Lieder aus Benediktbeuern hat Orff im Frühjahr 1934 in einem Antiquariatskatalog entdeckt und sich das Buch, das der Münchner Bibliothekar Andreas Schmeller 1847 herausgegeben hatte, bestellt. Der erste Eindruck, den die Liebes-, Drink- und Spielerlieder auf den knapp 40-jährigen Orff machten, hätte größer nicht sein können: "Bild und Worte überfielen mich. Obwohl ich mich fürs erste nur in großen Zügen mit dem Inhalt der Gedichtsammlung vertraut machen konnte, stand sofort ein neues Werk, ein Bühnenwerk mit Sing- und Tanzchören, nur den Bildern und Texten folgend, in Gedanken vor mir." Der Bamberger Archivar Michel Hofmann half Orff bei der Übersetzung und Auswahl geeigneter Texte. Der Briefwechsel zwischen beiden zeugt von einem intensiven Arbeitsprozess. Die Musik zu den "Carmina" entstand z.T. noch vor der endgültigen Auswahl der Texte in wenigen Wochen. Ein Arbeitsverlauf, der sich bei Orffs späteren Werken umkehren sollte.

Bereits im Frühsommer 1934 spielte Orff seinem Verleger aus der Komposition vor, vollendet hat er das Werk dann im Sommer 1936. Die Uraufführung am 8. Juni 1937 an der Städtischen Oper Frankfurt war ein großer Erfolg beim Publikum. Weniger begeistert reagierten NS-Funktionäre, die Orff vorwarfen, "artfremde rhythmische Elemente" zu verwenden und der "heutigen Weltanschauung" zu widersprechen. Die nationalsozialistisch verblendete Pianistin Elly Ney sprengte eine Aufführung des Werks, indem sie "Kulturschande" schreiend den Saal verließ.

Immer wieder haben Musikologen darüber gestritten, ob die "Carmina" in einem Zusammenhang mit der nationalsozialistischen "Kunst-Ästhetik" zu sehen sind. Die Verwendung der lateinischen Sprache, die Anlehnung an den Jazz und die Musik Igor Strawinskys sowie die enthaltenen Parodien auf die Musik des 19. Jahrhunderts - auch und gerade auf die Musik Wagners - sprechen kaum für die Annahme, Orff habe ein Musikwerk für die Nazis komponiert.
Der Leiter des Münchner Orff-Zentrums, Thomas Rösch, hat das in seinem aufschlussreichen Vortrag zur Ausstellungseröffnung sehr detailreich verdeutlicht und auf die vielfältigen musikalischen Bezüge in Orffs "Carmina" hingewiesen. Neben der Verdi-Parodie in der Arie des Abts ("ego sum abbas") sind das die Wagner-Parodien in "olim lacus colueram" und "in taberna", die auf "Lohengrin" bzw. die "Götterdämmerung" anspielen. Auch die München-Bezüge der "Carmina", die Thomas Rösch aufzeigte, werden durch die Parodie Wagners - Wagnerstadt München! - bestätigt. Das "Ave formosissima" kann man getrost als Parodie einer katholischen Prozession ansehen, vielleicht einer Fronleichnamsprozession, die in München stets besonders spektakulär zelebriert wurde und wird.

So offenbarten Röschs Erläuterungen zu diesem vermeintlich so bekannten Werke wider Erwarten neue, unerwartete Facetten bis hin zur Parallelsetzung des spektakulären Eröffnungs- und Schlusschors mit den Lamenti Monteverdis - eines Komponisten, der für Orff besonders wichtig war. Vor diesem Hintergrund ist der "O Fortuna"-Chor eben kein glanzvoller Jubelchor, sondern ein Trauergesang über die Vergänglichkeit des irdischen Glücks.
In der kleinen, aber feinen und auch optisch sehr gelungenen Ausstellung in der Bayerischen Staatsbibliothek geben Briefe, musikalische Skizzen, Bühnenbildentwürfe, Fotos sowie klingende Beispiele Einblicke in die Werk- und Wirkungsgeschichte von Orffs unverwüstlichem "Welthit".

Robert Jungwirth

75 Jahre Carmina Burana von Carl Orff - Entstehung, Uraufführung, Wirkung eines Welterfolgs - Ausstellung in der Bayerischen Staatsbibliothek München, 1. Stock
Noch bis Ende August, Mo-Fr. 9-17 Uhr, ab 1.8. von 9-12.30 Uhr.