"Capriccio" von Richard Strauss beim Edinburgh-Festival als Coproduktion mit der Oper Köln
(Edinburgh, August 2007) Jonathan Mills, der neue Leiter des Edinburgh-Festivals hat in seiner ersten Saison neue Akzente gesetzt. Neben der Einführung eines Schwerpunkts Alte Musik hat der Australier eine zentrale Programmschiene zum Thema 400 Jahre Oper verfolgt. Sie begann mit einem klassizistischen "Orfeo" Monteverdis (Savall/Deflo), der Wiener "Poppea"-Adaption Barrie Koskys und einer Konfrontation von Cavallis "Didone" mit dem Horrorfilm "Planet von the Vampires in einer Produktion der Wooster Group. Konzertanten Aufführungen von Purcells "Dido und Aeneas", Vivaldis "Orlando furioso" und Strawinskys "Oedipus Rex" folgten zwei Werke, die das Verhältnis von Wort und Musik auch werkimmanent thematisieren: Antonio Salieris "Prima la musica, poi le parole" von 1786 und zuletzt "Capriccio", das 1775 in Paris angesiedelte "Konversationsstück für Musik" von Richard Strauss und Clemens Krauss. Relativ kurzfristig stemmte die Kölner Oper eine Neuproduktion, die von der britischen Presse nach der Premiere in Edinburgh kontrovers diskutiert wurde.
Denn wie bei "Didone" kam es zu einer Begegnung der unheimlichen Art: Regisseur Christian von Götz erfand für die Diskussion um die Vorherrschaft von Wort oder Musik in der Oper eine Rahmenhandlung, die im besetzten Paris des Jahres 1942 spielt: "Der Graf" ist ein hohes Tier, das am Schreibtisch sitzend Passierscheine für in letzter Minute fliehende Juden ausstellt, die ihm dafür die Hand küssen und Juwelen aufdrängen. Nazi-Schergen unterbinden dies schließlich und bevor der Graf - oder was auch immer er hier darstellt - seine Giftkapsel nehmen kann, ist das "Sextett", das Vorspiel der Oper, zu Ende und ein roter Zwischenvorhang senkt sich. Vor ihm erscheinen Flamand, der Musiker, und Olivier, der Dichter, kostümiert als zwei grelle Figuren der Theatergeschichte. Der eine ein affektierter Rokoko-Geck, der andere ein Commedia dell?arte-Clown mit kariertem Hemd und zotteligen roten Haaren. Geht der Vorhang wieder auf, agieren die Figuren nun in Rokoko-Verkleidung vor einem Plafond der aussieht wie die Illusionsmalerei der Zeit, hier aber auch eine Elfenbeinturm-Situation darstellend (Bühne und Kostüme: Gabriele Jaenecke).
Nach dem leidenschaftlichen Kuss des Musikers, der die Gräfin auch musikalisch in immer nachdenklicherer Stimmung zurücklässt, realisiert sie sehr viel später die Bedrohung der Nazischergen in den angrenzenden Zimmern und die Herkunft des Schmuckes. Weinend bricht sie zusammen. Black Out. Klug hat Christian von Götz so die Zweiteilung des Abends - die zurückgeht auf eine Fassung von Joseph Keilberth - motiviert und das Ende vorweggenommen. Da sieht man im rechten Nebenzimmer den Suizid des Grafen. Im linken entkleidet sich Madeleine aller Rokoko-Pracht und zieht eine edle 30er-Jahre-Robe samt Pelz an. Sie ergreift zwei Koffer und verlässt eskortiert von zwei Uniformierten, mit bangem Blick zurück die Bühne.