Richard Strauss' Oper "Capriccio" an der Opéra Garnier in Paris
(Paris, 23. September 2012) Alle Vorstellungen in der Pariser Oper sind ausverkauft! Obwohl es sich bei der aktuellen Produktion von Richard Straussens Spätwerk um eine Wiederaufnahme handelt, die der kanadische Regisseur Robert Carsen für Renée Fleming in der Hauptrolle als Gräfin 2004 für die Garnier-Oper entwickelt hat. Aber Carsens Auslegung der "Konversation in Musik", die darüber nachdenkt, wie man eine Oper schreibt, das Sujet, den Titel, das Sängerpersonal findet, wie man sie inszenieren sollte und nicht zuletzt, wer wichtiger für das Projekt sei, der Librettist, der Komponist oder die Muse, passt so gut ins Bild des von Architekt Charles Garnier gebauten und ausgestatteten Rahmens für Lust und Opernplaisir. Prächtige Bogenpfeiler, vergoldete antikisierenden Wandskulpturen und nicht zuletzt das fantastische Deckengemälde in der Kuppel des Zuschauerraumes von Marc Chagall 1963 gemalt, das seiner Fantasie zu allen möglichen Opernhandlungen der Geschichte mit herrlichem Stilbruch zum übrigen Dekor des Theaters freien Lauf lässt.Tristan und Isolde unter dem Arc de Triomphe, der Feuervogel auf dem Eiffelturm. Die Zauberflöte, Boris Godunov und Daphnis und Chloë als malerisches Aquarell-Capriccio.
In Carsens Inszenierung und in der Ausstattung von Michael Levine wird das komplette Garniertheater, vorne, hinten, oben unten, zum Privattheater der Gräfin, die, während das Streichsextett der Ouvertüre auf der Bühne gespielt wird, im blauen Ballkleid wie Fürstin Gracia Patricia im Parkett sitzt. Generös spendet sie ihren Musikern vorne Applaus, in das das Publikum mit einfällt. Zu einem im höchsten Maß anregenden Capriccio wird dieser Abend schon allein durch das Sängerensemble: die Hamburgische Sopranistin Michaela Kaune ist nicht nur ein hinreißender Hingucker, sondern verfügt auch über eine strahlend klare und jugendliche Stimme. Bo Skovhus als ihr launischer Bruder, der mit kahl geschorenem Kopf in karierter Tweedjacke sich erst einmal die Stiefel vom Stiefelknecht abziehen lässt, immer wieder zum Glas greift und in bester Spiellaune erträgt, dass ihn ausgerechnet in seinem Haus eine Oper überkommen muss - nur weil es sich die Schwester zu ihrem Geburtstag wünscht!
Michaela Schuster ist eine dominante Tragödin, eine Diva in purpurrotem Samtanzug, die von einem Nazi-Schergen in Ledermantel und Stiefeln ins Haus geführt wird - eine dezente Anspielung auf die Entstehungszeit 1942 - und wird sofort zum Objekt der Begierde des Grafen. Für den Regisseur stand übrigens zu keinem Zeitpunkt zur Debatte, die Handlung ins 18. Jahrhundert zurück zu versetzen, wie sich das Strauss vorgestellt hat. Es spielt zur Zeit der Kollaboration in Paris, in der die Nazis im kapitulierten Frankreich sich Zugang zu den Salons nicht einfordern mussten, sondern selbstverständlich bekamen.Aber über eine Anspielung geht auch Carsen nicht hinaus. Strauss zog sich - wie schon im Rosenkavalier am Beginn des 1. Weltkrieges - auch mit diesem Werk aus der Zeitgeschichte zurück, um über die Belange der Oper zu meditieren, die ja einen Großteil seines künstlerischen Lebens ausgemacht hat. Joseph Kaiser im Jackett und Adrian Eröd (im olivfarbenen Cordanzug!) als Dichter Flammand und Komponist Olivier ringen aber nicht nur um die Vorherrschaft von Wort oder Musik. Vielmehr um die Liebe der Gräfin, der sie nacheinander in ihren überschwenglichen Liebesanträgen einen Kuss auf den Mund pressen. Und die Bühne, nicht nur Teil vom Garnier-Dekor, auch, weil sich in einem riesigen Spiegel im Hintergrund alles widerspiegelt, öffnet sich vor der letzten großen Monologszene der Gräfin im hinteren Raum noch einmal, und zu sehen ist das Garnier-Theater - ein Theater im Theater, im Theater! Und da steht die Gräfin, umringt vom Theater und hält ihre Entscheidung galant diplomatisch offen, was oder besser wer ihr denn nun wichtiger sei, der Dichter oder der Komponist. Nur einen kleinen, aber bemerkenswerten Hinweis gibt sie dem Komponisten: "Sehen Sie nur zu, dass der Schluss nicht trivial wird!" Die Musik vermag also das Wort davor zu retten, nicht umgekehrt!
Der Kronleuchter auf der Bühne strahlt in die Bühne, und das Orchester der Pariser Oper strahlt aus dem Graben, verzaubert das Publikum, nicht nur im wunderbaren Mondscheinzwischenspiel. Philippe Jourdan sorgt wirklich unentwegt für Straussfinessen. Aber den größten Zwischenapplaus bekommt Peter Rose als Capriccio-Regisseur La Roche. Als Willy Millowitsch-Erscheinung mit ebensolchem Umfang, im Nadelstreifenanzug und Millowitschbrille und Millowitschfrisur, legt er sich in seiner großen Arie als geplagter Regisseur so selbstbezogen ins Zeug, dass beim Amen das Publikum in schallendes Gelächter ausbricht. Ein großartiger Straussabend, bei dem übrigens jedes Wort zu verstehen war, in dem Libretto, an das nicht nur Clemens Krauss, sondern auch Richard Strauss selbst Hand angelegt hat.
Sabine Weber
28-9-2012