Sylvain Cambreling und die Philharmoniker mit Ravel, Tomasi, Dutilleux und der Uraufführung von "Angelus"
(München, 9. Juni 2008) Die Idee war schön: ein französisches Programm des 20. Jahrhunderts mit der Uraufführung einer jungen Russin zu Münchens 850. Geburtstag zu krönen. Doch Maurice Ravels graziöse "Le Tombeau de Couperin"-Suite und Henri Tomasis zwischen verschiedensten Stilen changierendes Posaunenkonzert (mit dem exzellenten Solisten Dany Bonvin) wirkten wie Leichtgewichte gegenüber der dunklen Vision Victoria Borisova-Ollas, die das Erlebnis der verschiedenen Kirchenglocken Münchens bei ihrem ersten Besuch der Stadt in ein Orchesterstück verwandelte, das seinen Titel dem Angelus-Läuten der Frauen-Kirche entlehnt, und Henri Dutilleuxs großartigen "Métaboles" zum Finale.
Was laut der 1969 in Wladiwostok geborenen und seit vielen Jahren in Schweden lebenden Komponistin zu Beginn ihres Auftragswerks der Stadt München und der Philharmoniker ein Nachhall keltischer Gesänge sein soll, ist eine unendliche, düster grundierte Unisono-Melodie, bei der die tiefen Streicher immer mehr von den Bläsern unterstützt werden und das gesamte Orchester samt Orgel sich wie ein gigantisches Geläut einzuschwingen scheint. Momentweise hört man die Brutalität von Strawinskys "Sacre", bevor Victoria Borisova-Ollas mit Röhrenglocken und Metallplatten das Glockenspiel am Rathaus mit der Verfremdung von "Jetzt gang i ans Brünnele" und ein mächtig an- und abschwellendes Geläut zu imitieren scheint, bevor sich nochmals eine große Unisono-Kantilene wie zu Beginn formt. Die Philharmoniker fühlen sich hörbar wohl in dieser dickflüssig wie Lava glühenden Musik, bei der aus hundert Musikern ein einziger, träge sich bewegender Organismus wird.
Die fünf ineinander übergehenden Sätze der "Métaboles" (Wechselspiele) von Henri Dutilleux aus dem Jahr 1964 wirkten vor dieser Folie wie eine vielschichtige, in kontrastreichem Licht sich spiegelnde Architektur, beginnend als "Incantatoire" (Beschwörung), der die fahlen Farben von "Linéaire" (Linienförmig) folgten, bevor in "Obsessionnel" über dem Pizzicato der Kontrabässe ein rhythmisch besessenes Kreisen einsetzt, das immer wieder auszubrechen droht. Unter Cambreling spielten das die Philharmoniker - wie schon 2004 unter ihm - mit großartiger Trennschärfe und Präzision. Der vierte Satz ("Torpide" - Betäubt) erhielt so eine ebenso große Unbedingtkeit wie das entfesselte Finale ("Flamboyant" - Lodernd) wilden Furor entwickelte.
Klaus Kalchschmid
Wiederholung am Mittwoch, 11. Juni (20h) www.mphil.de