Der Tenor von der Insel

Joseph Calleja hat mit seinem dritten Album "The Maltese Tenor" die Weltspitze erreicht

Mit dem Hoffmann in New York, als Rodolfo in "La Bohème" (München 2009 - siehe Kritik auf KlassikInfo) - beides an der Seite von Anna Netrebko - und im gleichen Jahr als Alfredo neben Renée Fleming als Traviata (DVD bei Opus Arte), nicht zuletzt als Gabriele Adorno an der Seite von Placido Domingo in der Titelrolle von "Simon Boccanegra" (DVD bei EMI) - beides unter Antonio Pappano in London - hat Joseph Calleja die Weltspitze erreicht. Endlich, muss man sagen, denn seine Stimme und seine Gestaltung sind derzeit im italienischen und französischen Repertoire des frühen 19. Jahrhunderts einzigartig.

Entdeckt wurde diese kostbare Stimme schon beim 16-Jährigen durch den berühmten maltesischen Tenor Paul Asciak auf seiner Heimatinsel. Von ihm bekam Joseph Calleja den Stil der lyrischen Tenöre des frühen 20. Jahrhunderts beigebracht, was wohl die entscheidenden Weichen gestellt hat.
Der 25-jährige Calleja nahm im September 2003 sein erstes Arien-Album für Decca auf, schon zwei Jahre später konnte man in den Belcanto-Arien von "The Golden Voice" die Entwicklung hören, die der wunderbar fein timbrierte und vibrierende Tenor genommen hatte. Jetzt, sechs Jahre später, ist die Stimme noch weiter gereift, ist voller, männlicher geworden, das Vibrato etwas weniger flirrend, der bronzene Schmelz jedoch um so größer und schöner. Auch das Repertoire des Maltesers hat sich verbreitert, Italienisches und Französisches, Leichteres und Schwereres wechseln sich auf der CD "The Maltese Tenor" ab. Noch immer kann Calleja im lyrischen französischen Fach wunderbar zart singen. Sein "Salut demeure chaste" aus dem "Faust" mit einem wunderbar ins Piano zurück genommenen Spitzenton am Ende oder das die CD beschließende Duett aus Bizets "Les Pecheurs de perles" an der Seite von Aleksandra Kurzak klingen betörend weich und fein strahlend. Für den Des Grieux in Massenets "Manon" gebraucht Calleja beides: den leidenschaftlichen Zugriff und den zart schimmernden Feinschliff, ebenso wie in Rezitativ und Arie "Quando le sere al placido" des Rodolfo aus Verdis "Luisa Miller".

Doch auch der dramatisch aufgewühlte Beginn von Gabriele Adornos "O inferno! Amelia qui!" aus Verdis "Simon Boccegra" hat Attacke. Und nie stellt sich das Gefühl ein, Calleja würde forcieren, immer fließt die Stimme herrlich frei: mal schneller, mal langsamer, mal schlanker, mal breiter. Große, intensive Tragik prägt das "E lucevan le stelle" des zum Tod verurteilten Cavaradossi aus dem dritten Akt von Puccinis "Tosca". Nicht minder gewichtig klingen die Auszüge aus Puccinis früher "Manon Lescaut" oder - noch mehr - dem "Ballo in maschera" Verdis. Derzeit dürfte wohl auch niemand das "Che gelida manina" des Rodolfo aus Puccinis "La Bohème" so schön, strahlend und herzergreifend singen.

Aleksandra Kurzak vermag im Duett mit Calleja nicht nur eine anrührende Mimì zu sein, sondern auch eine wunderbare Leïla in "Les pecheurs de perles". Marco Armiliato und das Orchestre de la Suisse Romande sind die perfekten Begleiter, die nicht nur im Hintergrund agieren, sondern aktiv, klangschön und tiefenscharf mitgestalten. Das ist durchaus keine Selbstverständlichkeit für Arien-Alben mit großen Sängern.

Klaus Kalchschmid 

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