Götter in den Wolken

Fotos: Elisabeth Carrechio


Benjamin Lazar inszeniert Lullys Oper "Cadmus et Hermione" in Paris als illusionistisches Barockspektakel

(Paris, Ende Januar 2008) Opernfreunde sollten die Opéra Comique im Auge behalten. Seit dort Jérome Deschamps allein den Ton angibt, als Intendant, wird dieses Traditionshaus, das in den letzten Jahrzehnten ein wenig heruntergekommen ist, zu einer Art vierter Pariser Opernbühne, neben dem Palais Garnier, der Bastille und dem Chatelet. Ende Januar überraschte Deschamps mit einer Serie barocker Konzerte und Opern. Ein anspruchsvolles Programm, das von einer Neuinszenierung der Oper "Cadmus et Hermione" von Jean-Baptiste Lully gekrönt wurde. Eine Inszenierung, von der man sich nur wünschen kann, dass sie bald als DVD vorliegen wird."Cadmus et Hermione" wurde 1673 uraufgeführt. Das Libretto schrieb Philippe Quinault nach den Metamorphosen des Ovid. Lully schuf mit der Oper, nach seiner Phase der comedies-ballets in Zusammenarbeit mit Molière, ein ganz neues musikalisches Genre.
Mit dieser Oper entstand die Tragédie Lyrique und bestimmte fortan, bis zu der berühmten Querelle um die Vormachtstellung der traditionell-französischen gegenüber der italienischen Oper Mitte des 18. Jahrhunderts das Musikschaffen in Frankreich.

Die Oper bietet die übliche Geschichte um Götter und Menschen, die sich untereinander verlieben, was entweder gut oder schlecht ausgeht. Ein Thema, das das aristokratische Publikum unter Ludwig XIV. immer wieder faszinierte. Diese für die Epoche klassische Handlung wird in der Neuinszenierung wie zur Zeit des Sonnenkönigs aufgeführt.

Wenn sich der Vorhang in der prächtigen Salle Favart hebt, sind zunächst zwei Reihen dicht aneinander stehender Kerzen zu sehen, die, wie im 17. und 18. Jhdt. üblich, die Bühne erhellen. Dem jungen und vielversprechenden Regisseur Benjamin Lazar ist es zu verdanken, dass die gesamte Bühne wie von diesen Kerzen erleuchtet erscheint. Ganz anders als wir es heute gewöhnt sind (Beleuchtung durch Strahler von oben) werden die Protagonisten und die wie echt barock wirkenden Bühnenbilder nur von unter her beleuchtet. Dem Beleuchtungsmeister Christophe Naillet gelingt dieser Trick zum einen mit den Kerzen, zum anderen mit einem ausgeklügelten System von Spiegeln und versteckten und diskret leuchtenden Lampen.
Der Opernbesucher fühlt sich wie in einem Historienfilm - oder wie zu Zeiten Lullys.Adelin Caron sind die Bühnenbilder zu verdanken: Szenografien mit gigantischen Wolken und Bäumen, Felsen und Säulen, die sich, ähnlich wie im historischen Theater im schwedischen Drottningholm, hin- und herschieben lassen, von der Decken schweben, wie auch einige der Sänger, wenn sie Götter interpretieren. Und dann erst die Kostüme.

Regisseur Lazar inspirierte sich an Originalvorlagen aus der Zeit Lullys. Eine Freude für's Auge. Federn über alles, phantasiereiche barocke Stoffpracht und Stickereien à la mode. Gudrin Skamletz war für die Choreographie verantwortlich. Wie Lazar kennt sie sich in den komplizierten und stilisierten Bewegungen, die zur Zeit Lullys auf der Opernbühne von Sängern und Tänzern erwartet wurden, bestens aus. Die musikalische Leitung hatte Vincent Dumestre. Das von ihm gegründete und geleitete Ensemble Le Poème Harmonique interpretierte die Musik mit der von diesem Orchester gewohnten Eleganz und Klasse. Die Besetzung hätte nicht besser sein können. Aufnahmereif sangen André Morsch (Cadmus) und Claire Lafilliatre (Hermione). Wer die Zeit dazu findet, kann sich Lullys erste Tragédie Lyrique auch am 20. und 22. März im Théatre de Caen anschauen. Eine DVD soll in den nächsten Monaten erscheinen.

Wer sich aber schon jetzt eine Idee von der Inszenierungsperfektion des Duos Dumestre-Lazar machen will, sollte sich eine bereits erschienene DVD zulegen, erschienen 2005 bei Alpha (www.alpha-prod.com). Köstlich spielten die beiden "Le Bourgeois Gentilhomme" von dem Duo Lully-Molière ein. Wie bei "Cadmus et Hermione" bietet auch hier Lazar ein barockes Feuerwerk im pittoresken Stil des Ancien Regime: Kerzenbeleuchtung, tolle Kostüme und ein altes Französisch, das zauberhaft wirkt. Eine Inszenierung, die, wie in der Opéra Comique in Paris, Oper ganz anders bietet. Philologisch genau aber für uns heutige Menschen so faszinierend, dass selbst die vielen Kinder im Pariser Publikum drei Stunden lang gespannt aushielten und begeistert applaudierten.

Thomas Migge