Seit 1986 wird Puccinis "Butterfly" mit dem Duo Stefano Vizioli und Aldo Rossi immer wieder aufgeführt. Vor allem in Italien. Jetzt war sie an der Oper in Rom zu sehen
(Rom, 18. Mai 2010) Stefano Vizioli ist einer der interessantesten italienischen Regisseure und Aldo Rossi (1931-1997) war einer der international angesehensten Architekten Italiens. Für das Stadttheater von Bologna betreuten sie 1986 Puccinis Meisterwerk. Diese Zusammenarbeit überzeugte dermaßen Publikum und Kritiker, dass die Inszenierung immer wieder aufgeführt wird. Am Teatro La Fenice in Venedig ebenso wie an kleineren Häusern. Jetzt auch in Rom. Vor ausverkauftem Haus.
Aldo Rossis Bühnenbild ist eine zweigeschossige Konstruktion, die vage an ein traditionelles japanisches Haus erinnert, mit Andeutungen an Wände aus Papier. Typisch für Rossis Architektur: klare Linien, Minimalismus und nur einige wenige Möbel. Die Kostüme der Österreicherin Anna Maria Heinrich orientieren sich an der Mode der Wende des 19. zum 20. Jhdt. und somit an der Zeit Puccinis.
Viziolis Regie mutet anfangs klassisch an, entwickelt sich aber ab dem zweiten Akt immer mehr in Richtung Schauspiel. Cio-Cio-San ist im ersten Akt eine Geisha, die auf den großen Fang ihres Lebens hofft. Noch traditionell japanisch gekleidet verliebt sie sich zusehends in Pinkerton, so sehr, dass sie ab dem zweiten Akt ihre asiatische Identität und sogar ihre Götter verrät, sich nicht nur nach dem westlichen Geschmack kleidet, sondern sogar an den christlichen Gott zu glauben beginnt und sich ein hölzernes Keuz um den Hals hängt. In Viziolis Interpretation überschreitet ihre Liebe zu dem fernen Amerikaner die Grenze zur Selbstverleugnung. Sie biedert sich allem Amerikanischen an, nur um ihm zu gefallen und immer in der Hoffnung, dass, wenn er zurückkommt, er sich wie daheim in Amerika wohl fühlt.
Raffaella Angeletti interpretiert diese Rolle meisterhaft. Aus der zu Frivolität neigenden Geisha zu Anfang der Oper wird im zweiten Akt eine Frau, deren pro-westliches Gehabe und die blinde Liebe zu dem fernen Mann einerseits lächerlich wirken, aber natürlich auch Mitgefühl wecken. Man entwickelt Mitleid mit Butterfly.
Im letzten Akt läßt Regisseur Vizioli Cio-Cio-San wieder zu einer Japanerin werden. Das Kreuz wird weggeworfen, der westliche Gott verschwindet und die japanischen Gottheiten werden wieder aus dem Schrank hervorgeholt. Die einzelnen Akteure agieren eher wie Schauspieler und weniger wie Sänger. Der Zuhörer hat immer wieder das Gefühl, einem Drama mit Musik zu folgen und weniger einer Oper.
Marco Berti spielt einen leichtlebigen Pinkerton, der sich im Laufe der Oper auf überzeugende Weise bewusst wird, welches Drama er im Leben Cio-Cio-Sans heraufbeschworen hat. Bertis kraftvolle Stimme ist perfekt für die Rolle des Yankees, der sich einfach nur vergnügen will.
Die Besetzung aller Rollen ist - ungewöhnlich für die römische Nationaloper - gut bis sehr gut. Oft ist es in Rom so, dass man sich für eine bekannte Stimme entscheidet und die anderen Sänger ihr gegenüber qualitätsmäßig stark abfallen. Dieses Mal war das nicht der Fall. Die gesamte Inszenierung beweist, dass die oft kritisierte Nationaloper der Hauptstadt mehr als nur mittelmäßige Qualität bieten kann.
Die musikalische Leitung hat Daniel Oren, künstlerischer Direktor des Stadttheaters Giuseppe Verdi im süditalienischen Salerno und einer der begabtesten Direktoren Italiens.
Orens musikalische Interpretation ist nicht klassisch-Puccini. Er verlangsamt immer dann die Partitur, wenn Regisseur Vizioli das Dramatische der Handlung im zweiten und dritten Akt herausstreicht. Das mag vielen vielleicht nicht gefallen, hebt aber auf überzeugende Weise das Tragische der Handlung hervor. Oren gelingt es, das Orchester der Nationaloper zu einer Höchstleistung anzutreiben, was in Rom nicht immer der Fall ist.
Es wäre zu begrüßen diese Inszenierung, die in Italien seit 24 Jahren überaus erfolgreich ist, auch einmal nach Deutschland zu holen. Das Duo Rossi und Vizioli gewinnt diesem Opernklassiker ganz neue Seiten ab.
Thomas Migge
Teatro dell'Opera di Roma
Madama Butterfly von Giacomo Puccini,
Musikalische Direktion: Daniel Oren
Cio-Cio-San: Raffaelle Angeletti
Suzuki: Francesca Franci
F.B. Pinkerton: Marco Berti
Sharpless: Franco Vassalo
Regie: Stefano Vizioli
Bühnenbilder: Aldo Rossi
Orchester und Chor der Staatsoper
18.-28.Mai