Erinnern heißt Erlösung

Unter Deck lauert die Vergangenheit. Foto: Bregenzer Festspiele/Karl Forster

In Bregenz erlebte Mieczyslaw Weinbergs Oper "Die Passagierin" eine zutiefst berührende szenische Uraufführung

(Bregenz, 21. Juli 2010) Eine Oper über Auschwitz. Hat es das überhaupt je gegeben? Es ist wohl der polnisch-russische Komponist Mieczyslaw Weinberg (1919 bis 1996) der sich in seiner Oper "Die Passagierin" als bislang einziger an das Thema wagte. Und auch diese Oper war bis jetzt so gut wie nicht ans Licht der Öffentlichkeit gelang. Jetzt gab esdie szenische Uraufführung des 1968 entstandenen Werks bei den Bregenzer Festspielen. Zuvor hatte es nur eine konzertante Aufführung in Moskau 2006 gegeben.

Dass das Thema bis zum heutigen Tag an die tiefsten Emotionen rührt, das zeigte die Reaktion des Publikums am Ende der fast dreistündigen Aufführung im Bregenzer Festspielhaus. Stille, verhaltener Applaus, der mehr Respekt denBeteiligten gegenüber ausdrückte als die übliche Opernbegeisterung. Als dann der Festspielleiter und Regisseur des Abends, David Pountney, die Autorin der Textvorlage der "Passagierin", Zofia Posmysz, dem Publikum präsentierte, erhoben sich alle Zuschauer von ihren Sitzen und spendeten weiter ihren zurückgenommenen, aber intensiven und andauernden Applaus. Er galt auch dem Komponisten. Denn diesem war es anhand des Librettos, das der russische Autor Alexander Medwedew aus dem Buch von Frau Posmysz gewonnen hatte, gelungen, eine vielschichtige, nicht sentimentale, ernstzunehmende, beklemmende und trotzdem spannende Opernerzählung zu gestalten.

"Realitätsopern" sind heikle Gebilde. Müssen sie doch in denkbar kurzer Bühnen-Zeit dem Ablauf realer Gegebenheiten gerecht werden und auch noch die dramatisch-emotionale Karte spielen. Weinberg ist das in seiner Oper über Schicksale in Auschwitz gelungen. Dem aus Warschau stammenden polnischen Komponisten jüdischer Herkunft blieb dieses Schicksal glücklicherweiseerspart, weil er sich als 20-Jähriger zur Flucht nach Weißrussland entschloss. Seine Eltern und seine Schwester, die in Warschau blieben, wurden sie von den Nationalsozialisten ermordet. Weinberg fand schließlich Asyl in Moskau, wo er von Dmitri Schostakowitsch unterstützt und gefördert wurde. Aber in Stalin-Russland geriet der Jude Weinberg in den dort üblichen antisemitischen Verdacht und wurde ins Gefängnis gesperrt, wo er die russische Version der Judenverfolgung erlebte und erst nachdem Tod Stalins 1953 frei gelassen wurde. So kam er auf seine Weise in Berührung mit dem, was er in der 1967-68 komponierten Oper "Die Passagierin" schildert:

Die Handlung

Anfang 1960. Ein deutscher Diplomat, Walter, und seine Frau Lisa sind auf dem Weg nach Brasilien. Plötzlich sieht Lisa eine Passagierin und ist vollkommen schockiert. Sie meint, die Frau zu kennen. Aber eigentlich müsste sie tot sein. Lisas Vergangenheit wird wieder wach. Sie war SS-Aufseherin in Auschwitz. Das hatte sie bisher ihrem Mann verheimlicht. Nun entschließt sie sich, es ihm zu gestehen. Ihre Beziehung gerät in eine Krise, Walter fürchtet um seine berufliche Zukunft.
Der Schauplatz wechselt nach Auschwitz, kurz vor dem Ende des Krieges. Bei der "Passagierin" handelt es sich um Martha, eine damals 20-jährige, nach Auschwitz deportierte Polin. Lisa wollte sie sich zur Vertrauens-Gefangenen machen, um die anderen besser überwachen zu können. Eine Szene ist ganz den gefangenen Frauen und ihrer Herkunft gewidmet. Die Frauen singen in der Sprache ihrer Herkunft. Marthas Verlobter Tadeusz ist auch in Auschwitz. Lisa bekommt das mit und möchte dadurch beider Gunst erwerben, indem sie ihnen anbietet, sich treffen können, obwohl das bei Todesstrafe verboten ist. Beide lehnen das Angebot ab. Martha steht fest auf der Seite ihrer Mitgefangenen. Sie beschützt sie, sie hilft ihnen. Aber auch sie kann nicht verhindert, dass aus der Gruppe der Frauen viele von denen "selektiert" und in die Gaskammer geschickt werden, die ihre engsten Freundinnen geworden waren. Ihr Verlobter Tadeusz ist Musiker. Eines Tages wird er gezwungen, auf seiner Geige für den Kommandanten dessen Lieblingswalzer zu spielen. Das Konzert beginnt, Tadeusz hebt seine Geige - und spielt die Chaconne aus Bachs zweite Partita. Sofort wird er zur Hinrichtung abgeführt, Offiziere zertrümmern seine Geige.

Auf dem Schiff findet Lisa heraus, dass es sich bei der rätselhaften Passagierin tatsächlich um Martha handelt. Lisa, die Täterin, kann ihre Vergangenheit nicht loswerden, sie beklagt sich als Opfer. In der letzten Szene singt Martha eine schlichte Arie mit dem Wunsch, dass all jene, die gelitten haben, nie vergessen werden. Sie nennt ihre Leidensgenossinnen beim Namen und alsletzten - ihren Verlobten Tadeusz.

Der Mythos ist die Menschlichkeit


Eine Oper, an der es nichts zu rätseln gibt. Deren Mythos eine alles überragende Menschlichkeit ist, die auch von der allergrößten Niedertracht nicht zertreten werden kann. Lisa versucht zu vergessen, aber die Gespenster ihrer Erinnerungen lassen sie nicht los. Martha erinnert ohne Unterlass an die, die sie verloren hat. Ihre Begleiter sind Trauer und Liebe. "Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung", wird im Programmheft ein jüdisches Sprichwort zitiert.

Zwei ähnliche Schicksale - das der Autorin, die selbst in Auschwitz gefangen war und das des Komponisten, der seine Heimat verlor - finden in dieser Oper in eins. Sie schildern klar, unverstellt, ohne Selbstmitleid aber auch ohne Wunsch nach Vergeltung, was sie erlebt haben. Ein solches Maß an Authentizität ist man kaum mehr gewohnt in der Oper.

David Poutney hat das zusammen mit Bühnenbildner Johan Engels kongenial in Szene gesetzt. Die Bühne zeigt "oben" das strahlend weiße Schiff, auf dem Lisa ihrer Vergangenheit zu entfliehen hofft. Die lauert aber direkt unter ihr: Das Schiffsdeck steht auf den Mauern von Auschwitz, auf den Gängen des Lagers, über den Schienensträngen der Vernichtungszüge. Diese Mauern, die Menschen darin, sie reisen mit Lisa mit, sie sind ihr ständiger Begleiter. Es braucht nur die Vermutung, Martha sei auf dem Schiff, und Lisa stürzt zurück in ihr einstiges Leben. Die Verwandlungen sind nahtlos, bezwingend. Selten gab es in der Oper ein so "schlichtes" Bühnenbild zu sehen, das seine Zuschauer so völlig einschließt.

Die Inszenierung ist Präzisionsarbeit

Poutney leistet mit den Darstellern Präzisionsarbeit, die keine Ausrutscher kennt. Gesten, Posen, Mimik, alles stimmt, ist so perfekt inszeniert, dass es schon wieder nicht "inszeniert" wirkt.
Ob Absicht oder nicht: Auch die "Hänger" haben hier Methode. Etliche der Lagerszenen dehnen sich; die Gefangenen berichten von ihrer Heimat und was sie verloren haben. Das steht außerhalb der Dramatik der Handlung. Weinberg ließ nichts aus, um die Zuschauer bei ihren Gefühlen zu packen.Die Musik ist ein großer Fluss mit Strudeln und Stromschnellen, mit ruhigen Abschnitten, mit Fahrten in finstere Höhlen und durch gefährliche Engstellen. Trost gibt sie nicht, dazu ist kein Anlass. Sie ist nicht so kantig und bitter wie die Schostakowitschs, aber sie hat auch nichts von der Mystik einer Gubaidulina oder der Verspieltheit eines Schnittke. Weinberg war ein moderner Spätromantiker, das ließ seine Werke gegenüber den angesagteren Russen, siehe oben, zurücktreten.
Vielleicht wird die Wiederentdeckung der "Passagierin", die später auch in Warschau, London und Madrid zu sehen sein wird, eine Renaissance auslösen. Die Bregenzer Festspiele tun jedenfalls alles dafür, Weinbergs Werk einen Schub zu geben.
Natürlich verdankt Weinbergs "Passagierin" in Bregenz ihre Wirkung natürlich auch dem durch und durch inspirierten Ensemble unter dem Dirigenten Teodor Currentzis. Exzellent die Wiener Symphoniker, hervorragend alle Sängerinnen und Sänger. Keinerlei Schwächen bei den Protagonisten, Michelle Breedt als Lisa, Elena Kelessidi als Martha, Artur Rucinski als Tadeusz, Roberto Saccá als Walter. "Die Passagierin" von Mieczyslaw Weinberg ist eine Oper, die uns alle angeht.

Laszlo Molnar

Weitere Aufführungen am 26., 28. und 31. Juli
Bis Mitte August wird es immer wieder Konzerte mit seiner Musik geben, am 31. Juli, 3. und 5. August dazu die Oper "Das Portrait".


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