Im Münchner Orff-Zentrum erkundete der griechische Komponist Minas Borboudakis elektronisch erweiterte Klangräume in eigenen Werken sowie bei Cage, Riley und Kokoras
(München, 14. Juli 2010) Was ist für die Musik der Raum? Die Stille, die sich als Raum zum Lauschen auftut. Der Notationsraum, in dem der Komponist das musikalische Material anordnet. Nicht zuletzt die Architektur eines Saales, die den Schallwellen charakteristische Brechungen zufügt und den Höreindruck an jedem Platz ein wenig anders sein lässt. Der in München lebende griechische Komponist und Pianist Minas Borboudakis, einem breiteren Publikum durch das für die Münchner Opernfestspiele 2007 konzipierte Musiktheater "liebe. nur liebe" bekannt geworden, hat die Erkundung des Raums zu einer zentralen Aufgabe seiner Musik gemacht. Im Münchner Orff-Zentrum ließ er nun gemeinsam mit Klangregisseur Felix Dreher an der Elektronik den Raum selbst zum Klang werden.
Auf der Bühne sehen wir nur einen Flügel, doch wir hören mehr: In Panayiotis Kokoras' 2000 entstandenem Stück "Breakwater" sind das elektronisch erzeugte Klangwellen, die mal schärfer und mal sanfter anbranden, um an Ende ganz zu verebben und dem Wellenbrecher Klavier den Sieg zu überlassen. Borboudakis' eigenes Stück "Roai III Dataflow" ertastet, im Klavier häufig den klirrend klaren Diskant betonend, im Gegen- und Miteinander von mechanisch und elektronisch erzeugten Klängen neues Terrain. Beim Versuch, die nicht immer eindeutig erkennbare Schallquelle zu orten - ist es das Klavier oder ein Lautsprecher? -, wird der Zuhörer in die Raumwirkung förmlich hineingezwungen. Mit seiner "Roai - Fließen" überschriebenen zentralen Werkreihe schließt Borboudakis an den vom griechischen Philosophen Heraklit formulierten Gedanken der beständigen Veränderung von Stoffen und Formen an. "Roai III" bezieht den Gedanken fließender Bewegung auf die dem Interpreten überlassene Mischung von bislang fünf Modulen. Im Orff-Zentrum stellte Borboudakis die Module 4 und 5 voran um dann die Module 1-3 folgen zu lassen. Da das dadurch in die Mitte gerutschte Modul 1 ebenso wie das nun am Ende stehende Modul 3 von rhythmisch prägnanten, motorisch aufgedrehten Strukturen geprägt ist, ergab das eine klare Dramaturgie mit Höhe- und Schlusspunkt.
Erhellende Höreindrücke verschaffte das raumgreifende Klangtheater von Borboudakis und Dreher auch bei zwei Klassikern der musikalischen Avantgarde: John Cage und Terry Riley. Cage lässt in seiner "Electronic Music for Piano" dem Interpreten große Freiheiten und instruiert ihn nur, auf Teile aus seiner "Music for Piano 4-84" sowie auf eine Reihe elektronischer Gerätschaften zurückzugreifen. Borboudakis und Dreher nutzten diese Freiheiten, konnten jedoch auch nicht ganz vergessen machen, dass das Stück mit seiner ehedem provokativen Beliebigkeit in einer Welt des "anything goes" ein wenig an Charme verloren hat.
Am Ende des Abends stand schließlich eine Schlüsselkomposition der Minimal Music, Terry Rileys "In c" aus dem Jahr 1964. Gedacht war die knappe Partitur ursprünglich als Blaupause für das kollektive Improvisieren einer fast beliebig großen Zahl von Instrumentalisten. Die 53 rhythmisch-melodischen Motive, die das Stück ausmachen, dürfen von jedem Mitwirkenden mit der von ihm gewünschten Anzahl von Wiederholungen vorgetragen werden, wodurch sich nie vorauszuahnende prismatische Brechungen ergeben. Borboudakis und Dreher haben "In c" nun erstmals mit Klavier und Loop machine aufgeführt und dadurch eine mit Instrumenten nicht zu erreichende Akkuratesse der rhythmischen Überlagerungen erreicht, die den Groove dieses Werkes noch verstärkte.
Markus Schäfert