Puccini-Glück

Schöner sterben: Anna Netrebko und Joeseph Calleja Foto: W. Hösl

Anna Netrebko und Joseph Calleja glänzen in der Münchner "Bohème"

(München, 28. Mai 2009) Otto Schenks malerische "La Bohème"-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper hat schon 40 Jahre auf dem Buckel. Unzählige Mimis und Rodolfos standen auf der liebevoll realistischen Bühne von Rudolf Heinrich. Aber man muss schon lange in der Erinnerung kramen, um Vergleichbares wie Anna Netrebko und Joseph Calleja zu finden. Am Ende der zweiten von drei Vorstellungen, in denen die beiden im bis auf den letzten Stehplatz ausverkauften Nationaltheater erleben konnte, war das Puccini-Glück vollkommen. Denn selten stirbt eine Mimi so anrührend, leise und innig, selten spielt und singt ein Rodolfo seine Verzweiflung und sein zärtliches Bemühen um eine Todkranke so nach innen gekehrt, so ganz ohne Effekthascherei.

Netrebko und Calleja haben Stimmen, die in ihrem kostbaren, reichen Timbre wunderbar zueinander passen: die Russin einen obertonreichen, ebenso fein wie üppig fließenden lyrischen Sopran, der Malteser einen glanzvollen, überaus schönen Tenor mit irisierend vibrierendem Klang! Sie sind aber auch großartige Schauspieler und verkörpern das in einer kalten Mansarde schnell entflammte junge Liebespaar in jeder Geste, jedem Blick. Anders als in der - ästhetisch recht ähnlichen - Verfilmung von Robert Dornhelm, wo Netrebko an der Seite von Rolando Villazon kühle Distanz wahrt, lässt sie sich hier buchstäblich verführen von der Stimme und dem Charme eines Mannes, der schlicht ein perfekter Rodolfo ist.

Seine Künstlerkollegen und Freunde sind mit Nikolay Borchev, der als Marcello einen leidenschaftlich aufbrausenden Jungspund singt, sowie Christian Rieger (Schaunard) und John Relyea (Colline) exzellent besetzt, nur der Musetta von Jessica Muirhead fehlen bei ihrem berühmten Walzer im zweiten Akt die erotisch schillernden Farben. Auch Dirigent Daniele Callegari und das Staatsorchester geben eine anfangs etwas pauschal laute Folie ab, im vierten Akt konnte allerdings der Seidenteppich, der den Sängern ausgebreitet wird, nicht schöner und feiner gewebt sein.

Klaus Kalchschmid