Béla Bartóks Oper "Herzog Blaubarts Burg" in einer Neuinszenierung bei den Salzburger Festspielen
(Salzburg, 6. August 2008) Es ist eine ebenso plausible wie wirkungsvolle Idee des Dirigenten Peter Eötvös Béla Bartóks Oper "Herzog Blaubarts Burg" mit den Vier Orchesterstücken (op.12) sowie der Cantata profana "Die neun Zauberhirsche" einzuleiten. Damit wird der Zuhörer sowohl musikalisch als auch stilistisch auf die symbolistische Rätseloper um den Frauenvertilger Blaubart vorbereitet.
Gewiss liegt der Cantate mit der Volkssage über die neun Söhne eines Bauern, die sich auf der Jagd in Hirsche verwandeln eine andere inhaltliche Aussage zugrunde als dem "Blaubart". Der rätselhafte Symbolismus aber ist zweifellos beiden Werken zu eigen. In den Vier Orchesterstücken, die Bartók in unmittelbarer Nachbarschaft zum "Blaubart" 1912 komponierte, kann man sehr schön nachvollziehen, wie der Komponist in der Auseinandersetzung mit Debussy, Strauss und natürlich Liszt zu seinem eigenen Klang-Idiom fand. Eötvös und die Wiener Philharmoniker setzten bereits hier wie später auch in der Oper auf expressive Klangballungen und dramatische Höhepunkte, die diese vier Stücke und die Cantate wie eine Ouvertüre zum "Blaubart" erscheinen ließen.
Für die Cantate haben Regisseur Johan Simons und Bühnenbildner Daniel Richter eine halbszenische Inszenierung entwickelt. Vor einer alptraumhaften Großstadtkulisse (der höchst erfolgreiche und ebenso gehandelte Berliner Maler Richter verbindet hier eine Grau-Schwarz-Depression mit einem Farb-Flash in Pop-Art-Manier) treten die Sänger im schwarzen Anzug auf (markant Falk Struckmann als Vater, etwas angestrengt Lance Ryan als Sohn), die Choristen blicken aus dutzenden kleinen Fenstern heraus. Auf einem kleinen Häuschen liegt ein überdimensionaler aufblasbarer Gummipapagei, dem im Verlauf des Stückes die Luft ausgeht. Buntes Rätseltheater in Korrespondenz zum Inhalt. Allerdings spiegelt die Bühne eher die gegenteilige Entwicklung wider als die Geschichte. Die neun Söhne kehren zurück zur Natur, werden eins mit ihr, während das luftleere Gummitier ja wohl etwas anderes veranschaulicht...
Leider begnügt sich Richter für die Ausgestaltung der Oper mit einem an einen Baum erinnerndes schwarz-weißes Geäst als Riesenprojektion auf der Rückwand, ansonsten bleibt die Bühne bis auf die beiden Protagonisten leer. Schade, denn gerade beim Öffnen der sieben verschlossenen geheimnisvollen Türen in Blaubarts Burg, wäre bildnerische Phantasie gefragt - vor allem Farbfantasie, hat doch Bartok sehr viel Wert auf die Entsprechung von optischer und akustischer Klangfarbenmalerei gelegt. Doch Simons und Richter verweigern hier die bildnerische Ausdeutung der Waffenkammer, des Juwelenhorts, des Tränensees, der Ländereien Blaubarts, des blühenden Gartens und (am Ende) der drei verstorbenen Frauen...
Simons, der 2010 die Leitung der Münchner Kammerspiele übernehmen wird, wollte die Opernhandlung als psychologisches Ereignis sehen, das letztlich in jedem Zuschauer ganz eigene Assoziationen freisetzen soll. Simons wertet die Handlung als eine Reise in die Vergangenheit Blaubarts, die unaufgearbeitet in ihm schlummert. Das Türenöffnen ist letztlich ein Akt der Befreiung für ihn. Judith, Blaubarts neue Geliebte, ist eine Krankenschwester, die den im Rollstuhl Sitzenden liebevoll betreut und sich nicht von dessen Vergangenheit erschrecken lässt. Sie ist die eigentlich starke Figur des Stücks, nicht der Frauen verschleißende Alt-Wüstling, der von den Gespenstern seiner Vergangenheit getrieben wird. Becketts "Endspiel" stand hier ebenso Pate wie mancher Hitchcock Grusel-Klassiker.
Falk Struckmann als Blaubart spielt das nicht weniger überzeugend als er die anspruchsvolle Partie stimmlich bewältigt - ein höchst eindrucksvolles Rollenporträt! Aber auch Michelle DeYoung ist mit kraftvoll leuchtendem Sopran eine fantastische Besetzung für die Rolle der Judith. Eötvös, der Bartók in einem Interview als seine "Muttersprache" bezeichnete, lässt den Psychokrimi auch klanglich erfahrbar werden, mit einer ungemein dichten, den späten Romantizismus unsentimental zur vollen Klangwirkung bringenden energiegeladenen Interpretation, der die Wiener nach anfänglichen kleinen Unsicherheiten in den Orchesterstücken bravourös folgten.
Robert Jungwirth
Weitere Aufführungen am 14., 18. und 23. August.