Fünf Kurzopern bei der Münchner Biennale
(München, 6. Mai 2010) Es war nun schon das fünfte Mal, dass bei einer Biennale für neues Musiktheater (seit 1988) Kurzopern verschiedener Komponisten an einem Abend aufgeführt wurden: Zusammen gerade mal 90 Minuten dauerten diesmal in der (ehemaligen) Reaktorhalle, dem szenischen Labor der Musikhochschule fünf Miniaturopern von Studenten verschiedener Kompositionslehrer, unter anderem Jan Müller-Wieland, der auch das Gesamtprojekt leitete: "Ab ins Bett" (Gregor A. Mayrhofer), "Hannah und Tim" (Johannes X.Schachtner), "SpiegelSpiel" (Jelena Dabić), "L'autre frère" (Samy Moussa) und "at stacke - Auf dem Spiel" (Arash Safaian). Fünf Protagonisten (hoher Sopran, Mezzo, Countertenor, Tenor und Bariton) traten in wechselnden Kombinationen und Identitäten - aber stets der gleichen Kleidung - immer wieder auf.
Regisseurin Johanna Wehner und ihre Ausstatterin Elisabeth Vogetseder erdachten sich im faszinierend leeren, hohen Raum der Reaktorhalle um die fünf Miniaturopern, die vielfach um Kindkeit und die Erinnerung daran kreisten, eine nicht immer funktionierende szenische Klammer: eine (Kinder-)Spielwiese in Gestalt eines Gebirges aus bunten Umzugskartons, das in den überleitenden Sequenzen (Georg Glasl hat dazu eine feine "Zwiefache Zwischenmusik" für verschiedene Zithern, Akkordeon, Scheitholt, Holzstabspiel und CD-Zuspielung komponiert) immer wieder neu geschichtet wird - bis hin zu einer allmählich aufgetürmten Video-Wand aus Schachteln im letzten Stück "Auf dem Spiel".
Mit diesem "Auf dem Spiel" - und der letzten Sequenz des ersten Stücks - den Abend zu beenden, war kühn und dramaturgisch nicht geglückt. Denn Safiaian hat zwar ein spannendes 15-minütiges Duett ohne Text für Countertenor (Samuel Jaime Santana), Tenor (Brent Damkier) und Orchester komponiert. Doch das im Programmheft abgedruckte Szenario von Dorna und Arash Safaian im Programmheft hatte mit dem Video von Sophie Lux kaum etwas zu tun - mehr schlecht als recht erkennbar als immer wieder überblendete Bäume, Wälder und junge Männer, die verschiedene Tätigkeiten verrichten.
"Ab ins Bett" fasste verfremdet den Ritus des Zubettgehens von Vater und Sohn in ebenso prägnante Worte (Micaela von Marcard) wie Töne. Genau umgedreht besetzt war das Vexierspiel des Münchners Gregor A. Mayrhofer mit einem jungen Countertenor (hervorragend und mit dramatischer Attacke: Samuel Jaime Santana) als Vater und einem älteren Bariton (nicht minder intensiv und voller Komik als Kind: Peter Neff mit kurzen Hosen, kariertem Knabenhemd und Gummistiefeln).
"Hannah und Tim" war danach der etwas bemüht komische, blasse, auch wenig prägnant inszenierte Versuch von Johannes X. Schachtner (Musik) und Norbert Niemann (Text), einen Chat per e-mail mit der realen Begegnung von Mann und Frau zu überblenden, bevor SpiegelSpiel das musikdramatische Zentrum des Abends bildete: die Begegnung eines Jungen (wunderbar pubertierend: Brent Damkier) und eines Mädchens (Monika Lichtenegger), gespiegelt jeweils in einem Alter Ego. Das hatte Witz und teilweise auch abgründige Tiefe bis hinein in die vielfältige, mit dem Text eng verzahnte und ihn kommentierende musikalische Sprache Jelena Dabi's. Jetzt machte auch die Papp-Welt, die wir als Kinder zum Spielen so liebten, Sinn, diente ein geblümter, aufgefalteter Karton als Kleid für ein eitles Girlie oder konnte ein Knabe auf ein paar von ihnen mit aufgedrucktem Pferd als Kopf reiten. Monika Lichtenegger setzte hier ihre Bühnenpräsenz und einen bestechend präzise geführten hohen Sopran perfekt im Dienste der Rolle ein - wie sie auch schon als Hannah überzeugt hatte.
"L'autre frère" gerann zur mysteriösen, faszinierenden - französisch gesungenen - Enklave, in der ein Mann, genannt Emmanuel Vieillard, von Isaac, einem ihm bislang unbekannten Bruder und dessen Ermordung erfährt. Am Ende der schmerzhafte Erinnerungsarbeit des in einen jungen (Martina Koppelstetter) und einen erwachsen gewordene Emmanuel (Peter Neff) aufgesplitterten Mannes wird gemeinsam der gemordete Bruder beschworen. Schließlich verschmelzen die Stimmen in einem schwebenden "Issac"! Der 1984 in Montreal geborene und ausgebildete Samy Moussa komponierte auf das exzellente Libretto von Claudio Pinto einen intensiven Dialog, umhüllt von irisierender, betörender Kammermuik, bevor mit der aufkeimenden Gewalt auch das Orchester immer aufgewühlter zu schreien begann, um am Ende in sanften s-Lauten zu verlöschen. Martina Koppelstetter sang und spielte den Jungen mit feinen, zarten Farben, während Peter Neff seinem Buffo-Tenor hier auch dunkle Farben entlockte.
Die 16 Musiker des Arcis-Ensembles der Hochschule spielten unter Ulrich Nicolai mit bewundernswertem Sinn für die verschiedenen Klangmischungen und polyphon verzahnten Verläufen. Es war dies einmal mehr der Beweis, welch hochkarätige Arbeit an der Münchner Musikhochschule auch auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik geleistet wird.
Klaus Kalchschmid
Weitere Aufführung: Samstag 8. Mai 2010 (jeweils 20 Uhr)
www.muenchenerbiennale.de