"Hellhörig" - die dritte Biennale-Uraufführung - spielt in einer futuristischen Manege
(München, 23. April 2008) Weiß dominiert den indirekt beleuchteten Raum, den Roland Aeschlimann und Georges Delnon für Carola Bauckholts "hellhörig" in die Reithalle gebaut haben. Vor dem Manegenrund und seiner flexiblen Gitterbespannung, die an Saiten einer Harfe erinnert, sucht sich der Zuschauer seinen Platz auf Stufen, in Tuchfühlung mit dem Gefängnis für acht wie in Eis erstarrte Musiker, die weiß gepudert und in futuristisch anmutende Anzüge mit dicken Reissverschlüssen gepackt sind (Kostüme: Marie-Thérèse Jossen) oder mit etwas Abstand zum Flügel (Helena Bugallo), dem Cellotrio blu oder dem Schlagquartett Köln, das umgeben ist von Schwämmen, einem Abfluss-Sauger, Kartons, einer Zinkwanne, Steinen.
Mit einem Urklang wie dem tiefen Es am Anfang von Wagners "Rheingold" beginnt Bauckholts "Theater der Geräusche". Bald tritt dumpfes Herzklopfen hinzu, eine über den Velourboden gezogene Zinkwanne verursacht in der elektronischen Verstärkung Geräusche wie ein Helikopter, in eine schiefe Ebene geschüttete Kiesel scheinen einen gigantischen Erdrutsch zu imitieren. Nach verängstigten oder wütend gebrüllten Tierlauten klingt manches Geräusch.
Drei Gestalten - Sylvia Nopper, Truike van der Poel und Matthias Horn - treten aus dem Dunkel hinzu, doch sie singen weniger, als sie knurren, grunzen oder rülpsen. Nach einer ersten, dichten, faszinierenden halben Stunde simulieren sie Erstickungsanfälle, bevor ein riesiges Crescendo einsetzt, dem plötzliche Stille und ein Blackout folgen. Danach könnte das Stück zu Ende sein, doch Carola Bauckholt reizt ihr "Geräusche-Theater" noch weiter aus, lässt sogar Küchenschwämme ein wundersames Konzert auf drei weißen und von innen beleuchteten Luftballonen quietschen - wie Vogelgezwitscher klingt das oder kann in einen ostinaten Rhythmus umschlagen.
Das faszinierendste Instrument in diesem klingenden Bestiarium ist der große Konzertflügel, bei dem zentrale Saiten an von der Decke gespannten Fäden aufgehängt sind - beweglich wie bei einem Flaschenzug. Diese Konstruktion kann wie das Streichen von Cello-Saiten oder wie ein elektronischer Laut klingen, ist vielfältig mischbar und in der Lautstärke variabel.
Leider beginnt das Stück nach der Hälfte seiner 80 Minuten auszufransen, wiederholen sich Abläufe, schleichen sich immer wieder konventionell gespielte, gezupfte oder gesungene Töne ein, werden die Akteure zu interaktiven Schauspielern, wo sie zunächst allein als Musiker agierten. Georges Delnons anfangs puristische, zurückhaltende Regie, die nur gelegentlich die Projektion von weißem Rauschen auf den Boden der Manege erlaubte, als würden imaginäre Sägespäne einer Arena lebendig werden, verliert ihre Strenge. Dennoch entsteht unter der musikalischen Leitung von Erik Oña ein kleines, feines Gesamtkunstwerk, das sich selbst genügt.
Klaus Kalchschmid
Weitere Aufführungen: 24., 25. April (München/Reithalle), 13., 14. und 15. Juni (Köln/Halle Kalk)