Verführungen und Abstürze

Ein breit angelegtes Konzertprogramm umrahmt die Musiktheaterproduktionen der diesjährigen Münchener Biennale

(München, 25. April) Fünf Top-Ensembles für Neue Musik sorgen im Rahmen der 11. Münchener Biennale für neues Musiktheater für einen konzertanten Schwerpunkt. Den Auftakt machte am Freitagabend im Carl-Orff-Saal des Gasteig das von Franck Ollu dirigierte Ensemble Modern mit drei Uraufführungen.

Brian Ferneyhoughs "Chronos - Aion" lockte mit verführerischen Klängen in den Raum, der sich (im Titel angesprochen) zwischen gemessener und Lebens-Zeit auftut. Das mit Streichquintett, breit gefächertem Bläseraufgebot, Klavier, Harfe und Schlagzeug besetzte Ensemble blieb in den kurzen farbigen Ballungen wie in den bewegten Abschnitten sehr transparent. Ferneyhoughs aparte Klangmischungen gaben der Musik eine faszinierende Sinnlichkeit.
Genau daran mangelte es Claus-Steffen Mahnkopfs Dritter Kammersymphonie. Dabei begann das Werk des Ferneyhough-Schülers viel versprechend mit zart prickelndem Schlagzeug. Doch trotz herausforderndem Einsatz der Bläser und der Streicher stellte sich keine Stringenz ein, wirkte das Werk blutleer.

Zum Erlebnis wurde danach Helmut Lachenmanns "Got Lost...". Seine Musik für Stimme und Klavier ist eine große Gesangsszene, in der die Stimmkünstlerin und Sängerin Sarah Leonard, am Flügel begleitet von Rolf Hind, alle Register zog. Hoch virtuos spielte sie mit dem Atem, mit den Lauten, den Geräuschen, den Tönen und den Worten (Nietzsche, Pessoa). Lachenmanns abschließende "Concertini" wurden zur luftigen Raum-Musik, deren Komplexität als klangliche Vielfalt imponierte.

Zum Absturz ins Kunstgewerbe geriet hernach die unter Biennale-Flagge segelnde "One-Woman-Opera", in der Cornelia Melián Frauenszenen von Carola Bauckholt, Charlotte Seither, Irinel Anghel und Juliane Klein koppelte.

Gabriele Luster

(26. April) Den zweiten Abend bestritt das soeben Preis gekrönte Münchner Kammerorchester unter seinem Chefdirigenten Alexander Liebreich im Münchner Carl-Orff-Saal mit einem anspruchsvollen und engagiert gespielten Programm von Scelsi über den jungen Ungarn Illés bis zu Kurtág, Hosokawa und Yun. Während Giacinto Scelsis in Mikrointervallen unangenehm vor sich hinkratzendes "Natura Renovatur" ohne besonderen Eindruck blieb (nicht leicht zu sagen, ob es am Stück, an der vielleicht nicht 100prozentig gelungenen Interpretation oder an beidem lag), konnte das als Auftragswerk uraufgeführte Stück "Post Torso" von Marton Illés (Jahrgang 1975) zumindest teilweise überzeugen.

Illés besitzt Talent und interessante Ideen, beides fließt jedoch (noch) etwas ungeordnet und heterogen zusammen. Effekte scheinen dem Komponisten wichtiger zu sein als eine stringende Dramaturgie. Und wenn ein noch nicht 33jähriger Komponist sein Streicherstücklein "Post Torso" nennt, kann man darin vielleicht auch den nicht ganz uneitlen Versuch sehen, das Unfertige zum Ideal zu (v)erklären.

Die Höhepunkte des Abends (auch von der Orchesterleistung her) waren Kurtágs wunderbar zart und fein gesponner "Merran's Dream" aus dem Jahr 1998 sowie Toshio Hosokawas "Ceremonial dance" von 2000 - inspiriert vom japanischen Gagaku-Tanz. Den Abschluß bildete Isang Yuns Kammersymphonie aus dem Jahr 1987, in der der Koreaner neben Streichern auch Bläser verwendet und diese in einen spannenden musikalischen Kontrast zu ersteren setzt. Fernöstliche und westliche Spiel- und Komponiertraditionen treten hier in einen anregenden Dialog. Musik mit Inhalt und Gehalt, vom Kammerorchester plastisch herausgestellt.

Robert Jungwirth

(27. April) Niemand hätte bei den feinen Strukturen von Isabel Mundrys "Gefächerter Ort" für Violine und zwei kleine Orchester zu Beginn gedacht, dass nach der Pause des Konzerts mit dem Ensemble Intercontemporain unter Leitung von Ludovic Morlot im Carl-Orff-Saal mitten in "Professor Bad Trip: Lesson II" der Schock folgen würde: ein riesiges Solo für ein E-Cello, das nur magersüchtig aussieht, aber einen ohrenbetäubend diffusen, nervenzersägenden Lärm veranstaltet. An dieser Stelle führte Fausto Romitelli das wiederholte Sichhineindrehen in einen Rauschzustand seines Dreiteilers ad absurdum, nur noch übertroffen vom Ende, das - unterstützt von zwei E-Bässen - wie Rockmusik endet. Von hysterischen Zügen und expressiven Metastasen spricht der 2004 mit nur 41 Jahren an Krebs gestorbene Komponist in fataler Vorausschau und dass sich die Musik von "Bad Trip" nicht entwickle, sondern verschlimmere. Dreimal findet in "Lesson I-III" aus den Jahren 1998 bis 2000 eine wie im Delirium um Zentraltöne kreisende Steigerung statt, die beim Zuhörer aber auch zunehmendes Völlegefühl, Abwehr oder gar Langeweile auslösen kann.

Präzise und vielschichtig entwickelten sich dagegen die fünf Teile von Marco Stroppas "From Needle's Eye" für Posaune und zwei Quintette plus Schlagzeug. Mal bläserdominiert mit einem feinen Firnis Streicher, mal wuselig wie ein Mikrokosmos, mal gewaltig sich steigernd oder leise verdämmernd. Wiederum ganz verschieden von dieser Musik: Isabel Mundrys von der Sologeige (Diego Tosi) filigran vernetzter "Gefächerter Ort", der leider nach einer schönen Violinkadenz etwas abrupt endete. Denn diese faszinierenden 13 Minuten sind nur der Mittelteil eines auf 70 Minuten angelegten Stücks, das noch seiner Vollendung harrt.

Klaus Kalchschmid