Zu wenig Theater bei der Musiktheaterbiennale

Die Münchener Biennale für zeitgenössisches Musiktheater bewegt sich immer mehr vom Theater weg - eine Bilanz

(München, 2. Mai 2008) Es war der instrumentale Höhepunkt der diesjährigen Münchener Musiktheaterbiennale: die Aufführung aller sechs Teile von Gérard Griseys von 1976-1985 entstandenem Orchsterzyklus "Les espaces acoustiques" durch das Symphonieorchster des Bayerischen Rundfunks. Das Maß an Klangdifferenzierung, das Grisey - der Hauptvertreter des so genannten Spektralismus - hier erreicht, ist nicht weniger als überwältigend. Die "akustischen Räume", die Grisey vom Solostück für Viola über Stücke für sieben und achtzehn bis hin zum riesenhaft besetzten Symphonieorchester immer weiter ausschreitet, lassen ein sich beständig vergrößerndes Spektrum an Klängen hörbar werden, die in einer schier unfassbaren Ausdifferenzierung flimmern und flirren, sich einem Organismus gleich immer weiter verzweigen. Immer wieder klingt der große Lehrmeister Olivier Messiaen an, einmal hört man sogar ein veritables Vogelkonzert, was vermutlich als Referenz an den passionierten Ornithologen Messiaen zu verstehen ist. Ein ungeheuerliches Stück und eine phänomenale Leistung des Symphonieorchesters des BR unter dem nicht minder beeindruckenden Stefan Asbury, der selbst in den kaum mehr fasslichen Dimensionen der letzten beiden Stücke den Überblick behielt.

Die letzte der vier großen Musiktheaterpremieren, Jens Joneleits "Piero - Ende der Nacht" bestätigte den Eindruck, dass bei dieser Musiktheaterbiennale das Theater doch weitgehend auf der Strecke geblieben ist.
Ein mehrfach geteilter Geisterchor ist der eigentümliche Begleiter von Pieros Reise durch die Nacht. Piero ist ein Fischer, eine Randfigur in Alfred Anderschs Roman "die Rote", die in Jens Joneleits Musiktheater "Piero - Ende der Nacht" zur Hauptfigur wird. Das Libretto von Michael Herrschel erzählt weniger eine Geschichte, sondern beschreibt vielmehr einen Zustand, den Übergang von der Nacht zum Tag und vom Leben zum Tod.
Während Jens Joneleits Musik mit ihrer zwischen flächigem Verweilen und prismenartiger Verzweigung durchaus überzeugend wirkt, hakt das Werk vor allem am Libretto. Herrschels Verweigerung einer Geschichte wird durch zusammenhanglose Wortfetzen ersetzt, die im Hörer kein hinreichendes Bild erzeugen.

Hatte der Gründer des Festivals Hans Werner Henze allzu lange Zeit auf die gute alte Literaturoper gesetzt und damit zu sehr ein bestimmtes Modell von Musiktheater propagiert, scheint sein Nachfolger Peter Ruzicka im elften Jahr seiner Münchner Intendanz nun ebenfalls an einem Punkt der Unbeweglichkeit und Fokussierung angelangt zu sein, die Zweifel aufkommen lassen. Ruzickas Vorstellung von Musiktheater geht von Konzepten und Thoremen und nicht von Geschichten aus, von theoretischen Modellen und abstrakten Befindlichkeiten und nicht von darstellbarem Geschehen. Das zeigte diese Biennale allzu deutlich mit Stücken, die im Grunde der Bühne gar nicht bedürfen, weil sie sich dem theatralen Zugriff bewusst oder aus Unvermögen entziehen.

Ein Extrembeispiels dafür war das in seiner Reduktion auf wenige klangliche Einzelereignisse vor sich hindümpelnde, dem japanischen No-Theater abgelauschte Hörstück "Architektur des Regens" des Österreichers Klaus Lang. Die bis zur Unhörbarkeit ausgedünnte Klangarchitektur - eine Steigerung der japanischen Klangsprache, die selbst für Japaner schwer konsumierbar sein dürfte - korrespondierte mit einer quasi nicht vorhandenen Bühnenhandlung.

Auch Carola Bauckholts "Theater der Geräusche" wie sie es selbst nannte "Hellhörig" war im Grunde kein Musiktheater, sondern vielmehr eine Performance von Musikern. Drei Sänger und acht Musiker entfesseln aus unterschiedlichsten Materialien ein Theater der Klänge - inspiriert von Maurizio Kagels instrumentalem Theater. Geschichte gab es keine, nur die häufigen Tierlauten weckten Assoziationen an einen Zoologischen Garten oder Wildnis, freilich meist ins Groteske, Spielerische gewendet.

Am überzeugendsten geriet Enno Poppes und Marcel Beyers Adaption des Robinson Crusoe-Romans von Daniel Defoe. Während Beyers Libretto eine Art Gesellschaftskritik als dadaistische Poesie vorstellt und Robinson nach seiner Errettung als einen Gestrandeten in unserer Gesellschaft porträtiert mit allerhand grotesken Wahrnehmungen und Sichtweisen, komponierte Poppe dazu eine Musik, die so bizarr wie komplex ist, die ebenso verblüfft wie beeindruckt. Anna Viebrock, die geniale Bühnenbildnerin mit Faible für alptraumhafte Spießeridyllen zauberte eine Art Seemannsheim des Grauens auf die kleine Bühne der Münchner Muffathalle, in dem Robinson umgeben von eigentümlichen Seeleuten sein Dasein als Geretteter fristet. Hier zeigte sich, zu was Musiktheater fähig sein kann, wenn Musik und Theater in einen Dialog treten und nicht in diffuser Isolation verharren. Man würde sich wünschen, dass darauf in Zukunft - bei aller Notwendigkeit zum Experiment - wieder mehr Wert gelegt wird.

Robert Jungwirth