KlassikInfo CD-Tipps des Jahres 2009

Ottmar Schoeck, Notturno, Rosamunde Quartet, Christian Gerhaher, ECM 001355902

Schoeckierend gut! Wer Othmar Schoeck (1886-1957) nur von seinem romantisch wabernden Liederzyklus "Elegie" als Westentaschen-Strauss kennt, wird bei "Notturno" große Ohren bekommen. Acht Gedichte von Nikolaus Lenau und ein Gottfried-Keller-Text für Bariton und Streichquartett lassen eher an Bergs "Lyrische Suite" denken. "Notturno" flirtet mit den letzten harmonischen Anhaltspunkten der ausklingenden Spätromantik - und wenn es in derart hoher Präzision dargeboten wird, hört man auch die extreme langen Linien, die sich zu harmonischen Gebilden zusammenfinden. Wer etwa in Bergs Klaviersonate op.1 die romantische Kaffehaus-Schönheit hört, der muß von dieser Einspielung mit dem Rosamunde Quartett und Christian Gerhaher begeistert sein. jfl [Klassikinfo Rezension]

Rued Langgaard, The Symphonies & Orchestral Pieces, Thomas Dausgaard Danish National SO, DACAPO 6.200001

Rued Langgaard (1893-1952) war ein sonderlicher Komponist. Unkategorisierbar, verbittert, nie aus Carl Nielsens Schatten heraustreten könnend, sich allen modernen Trends widersetzend, schrieb er zum Beispiel 16 Symphonien; von einer bombastischen Ersten von Furtwänglerischem Ausmaß bis zu einer Zwölften die, in zwölf 'Sätzen' wohlgemerkt, gerade sieben Minuten dauert. Von zuckersüßen Strauss-Wagner-Tschaikowsky-Klängen bis zu herberen Anspielungen auf Sibelius, Nielsen, sogar Bergs Violinkonzert, hat Langgaard - immer originär - alles drauf und packt alles rein. Er verblüfft, begeistert und ist eines nie: langweilig. Es öffnet sich ein Universum von größtem Hörgenuß. Der wird durch die extrem hochwertige Präsentation dieser sieben (Super Audio) CDs von DACAPO nur noch gesteigert. jfl

Johann Sebastian Bach, "Nun komm der Heiden Heiland" - Chorales, Preludes & Fugues, Edna Stern, Zig Zag 90104

Große Musik intelligent zusammengestellt und überragend gut gespielt: Edna Sterns drei Präludien und Fugen-Pärchen - mit je einem vorangestellten Bach-Choral - sind eine wunderbare Bereicherung für alle, die Bach gerne auf dem Klavier gespielt hören. Die von Busoni fürs Klavier transkribierten Orgelchoräle - einer davon eigentlich Brahms' Bach-Tribut op.122 - und die spezifische Auswahl aus dem 'Wohltemperirten Clavier' sind von Sterns Leitfaden gelenkt, der Bach als gesanglichen Komponisten sieht. So spielt sie es dann auch, mit singendem, lyrischem Ton. Schlicht, ergreifend und herrlich. jfl

 

 

Ludwig van Beethoven, Violinsonaten, Harmonia Mundi  902025

Sei es bei den frühen, mozartnahen Sonaten oder im reifen Opus 30: Schlicht vollendet im Dialog und doch wie aus dem Augenblick geboren klingen Beethovens Sonaten für Klavier und Violine bei Alexander Melnikov und Isabelle Faust. Aufregend wild musizieren die beiden die c-moll-Sonate und reizen auch die Kontraste der G-Dur-Sonate bis zum fast wörtlich zu verstehenden Anschlag aus. Die Kreutzer-Sonate spielt das Duo in seiner Gesamtaufnahme (Harmonia Mundi) mit viel Mut zu harschen Tönen und fetzenden sforzati sowie zu leisem, fast tonlosem Verhauchen. Ihre Stradivari "Dornröschen" aus dem Jahr 1704 hat Isabelle mit diesem Beethoven-Spiel wachgeküsst, und auch Melnikov spielt auf seinem Steinway, dass er manchmal wie ein Hammerflügel klingt, um dann wieder überirdisch schön zu "singen". klk
[Klassikinfo Rezension]

Gaetano Donizetti, Lucrezia Borgia, Bertrand de Billy, Bayerisches Staatsorchester et al., EuroArts 2072458

Christof Loy hat auf karger Bühne, die nur ein paar Stühle und den leuchtenden Schriftzug LUCREZIA BORGIA kennt, in München mit großer Klarheit Donizettis gleichnamige Oper inszeniert. Wie Pavol Breslik als Sohn Lucrezias, der davon erst nach seiner tödlichen Vergiftung erfährt, einem Schlafwandler gleich durchs Stück schwankt und schwebt, das ist - phänomenal schön und anrührend gesungen - magisch auch auf DVD. Edita Gruberova als Lucrezia nimmt man die eiskalte Mörderin ebenso ab wie die  Mutter, die den Sohn erst verlieren muss, um ihn ganz zu gewinnen. Noch immer vermag die Gruberova mit ihrer Stimme vom gehauchten Piano bis zum hohen Es des Endes zu zaubern. Auch die übrigen Sänger und das Staatsorchester zeigen sich unter Bertrand de Billy von ihrer besten Seite. klk
[Klassikinfo Rezension der Aufführung]

Gyorgi Kurtag et al., Kurtag's Ghosts, Marino Formenti, Kairos 12902

Marino Formenti hat mit "Kurtág's Ghosts" (kairos) einen Coup gelandet: eine Vielzahl Miniaturen von György Kurtág kombiniert er nahtlos mit Musik von Komponisten, auf die sich der Ungar bezieht oder die vergleichbare Strukturelemente aufweisen. Das Ergebnis ist ein faszinierender Fluß aus dem Scarlatti, Haydn, Beethoven oder Schubert aufblitzen; Schumann, Mussorgsky oder Liszt; Bartók, Boulez, Messiaen oderLigeti. Vieles hat schon Kurtàg als "Hommage à ..." komponiert, so bezüglich Bach, Scarlatti, Schubert, Mussorgsky und Janácek oder als Erinnerung an befreundete Komponistenkollegen. Die Klarheit, Helle und Präzision Formentis lässt jedes Detail mit unglaublicher Farbigkeit leuchtet. klk
[Klassikinfo Rezension]

Wolfgang Amadeus Mozart, Idomeneo, Nikolaus Harnoncourt, Concentus Musicus et al., Styriarte DVD

"Idomeneo ist immer vollkommen falsch eingeordnet und falsch aufgeführt worden ist", stellte Nikolaus Harnoncourt vor zwei Jahren fest und trat - wie es seine Art ist - auch gleich tatkräftig den Beweis an. Er dirigierte das Werk nicht nur in der wie er meint "richtigen" Fassung, sondern er führte für diese Produktion der Styriarte in Graz 2008 sogar auch gleich selbst Regie. Nach Harnoncourts Auffassung ist Mozarts Oper mehr von der französischen Oper geprägt, als bislang angenommen wurde. Ein Ballett und zahlreiche Tänze wurden deshalb in Graz in die Oper aufgenommen, Arien und Szenen, die später dazu kamen, wurden dagegen eliminiert. Als Grundlage der Aufführung diente Harnoncourt die Münchner Uraufführung. Entsprechend sorgfältig rekonstruiert Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus das authentische Klangbild. Jetzt ist die viel gelobte Aufführung auch auf DVD erhältlich. Musikalisch von fantastischer Farbigkeit im Klang und mitunter atemberaubender Dramatik, ist die Produktion in der Regie nicht ganz auf diesem Niveau. Trotzdem ist sie ein wunderbares Dokument des großen Mozartdirigenten Harnoncourt. Und auch die Sängerbesetzung ist allerfeinst mit Saimir Pirgu als Titelheld Idomeneo und Julia Kleiter als Ilia. Eine TV-Dokumentation über die Entstehung der Opernproduktion und ein reich bebildertes Buch ergänzen die DVD. rth
[Klassikinfo Rezension der Aufführung]
www.styriarte.com

"Horowitz - das legendäre Berliner Konzert 18. Mai 1986", Sony Classics

Das bräunlich eingefärbte Schwarzweißbild des Covers suggeriert Patina. Und tatsächlich, dieses Konzert von Vladimir Horowitz am 18. Mai 1986 in der Berliner Philharmonie ist Legende - auch wenn man auch in diesen fernen Tagen in der Regel schon Farbfilme benutzte. Die altertümelnde Aufmachung ist also doch etwas übertrieben. Aber sei's drum. Wichtiger ist, dass dieses legendäre Konzert, das damals sogar im Radio übertragen wurde, nun endlich auf CD erhältlich ist. Warum das mehr als 20 Jahre dauert, weiß vermutlich niemand.
Rund 50 Jahre war der geniale Pianist, der wegen den Nazis Deutschland in den 30er Jahren den Rücken gekehrt hat, in Deutschland nicht mehr aufgetreten. Dann aber, mit 82 Jahren besuchte Horowitz noch einmal seine früheren Wirkungsstätten, absolvierte neben Konzerten in seiner ehemaligen russischen Heimat in Moskau und in St. Petersburg auch insgesamt drei in Deutschland: eines in Hamburg, zwei in Berlin. In der alten Berliner Philharmonie hat die eigentliche Weltkarriere des großen Horowitz begonnen, der hier mit Furtwängler und Bruno Walter musizierte.
Als der Berliner Kultursenator im Februar 1986 bekannt gab, dass Horowitz zu einem Konzert im Rahmen der Berliner Festspiele nach Berlin kommt, bildete sich - kurz nach Beginn des Vorverkaufs - eine über 400 Meter lange Warteschlange! Und als Horowitz schließlich am 18. Mai tatsächlich das Podium der Philharmonie betrat, wurde der Pianist mit minutenlangen stehenden Ovationen begrüßt. Es war ein Ereignis, das keinen Vergleich kannte. Die Menschen waren einfach nur dankbar und glücklich, diese Klavierlegende noch einmal erleben zu dürfen. Darunter war auch der Schreiber dieser Zeilen. Deshalb für alle Klavierfans mein ultimativer Weihnachtstipp. rth