Philharmonischer Glückfall in Salzburg

Bernard Haitink Foto: Wolfgang Lienbacher

Bernard Haitink und Murray Perahia setzen mit den Wiener Philharmonikern gegen Ende der Salzburger Festspiele noch einen Höhepunkt im Großen Festspielhaus

(Salzburg, 25. August 2012) Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Das samstägige Konzert der Wiener Philharmoniker unter Bernard Haitink war - neben dem "Philharmonischen" mit Mariss Jansons - mit Sicherheit einer der Höhepunkte des diesjährigen Festspielsommers. Dass beide Dirigenten mit dem Concertgebouw-Orchester aus Amsterdam eng verbunden sind, mag ein Zufall sein, sagt aber doch auch einiges über den guten Geschmack der weltoffenen Hafenstadt aus. Und dass an Haitinks Seite Murray Perahia auf dem Podium Platz nahm, dessen letzte Salzburger Auftritte - krankheitsbedingt - in die Jahre 1993 und 2003 fielen, verdoppelte das Konzertglück dieses Samstag-Vormittags.

Beethoven viertes Klavierkonzert ist mit Sicherheit auch für das heutige Ohr noch sein unkonventionellstes. Es beginnt, wie ein Solokonzert nicht zu beginnen "hat": mit einem leisen, verhaltenen Einsatz des Pianos. Im 2. Satz legt sich das Soloinstrument mit einem ostinat gestimmten, fast rezitativisch argumentierenden, mürrischen Orchester an, und erst im Finale legt Beethoven - wie es sich für ein Klavierkonzert "gehört" - mit Pauken und Trompeten los, aber - wie Haitink deutlich machte - gleichsam kurz angebunden und erst am Schluss mit jener quicken Lebendigkeit ausgestattet, die in angezogenem Tempo das "Vivace" dieses Rondo-Satzes zu seinem letzten Recht kommen lässt.

Nicht oft bewegen sich bei diesem Konzert Solist und Dirigent auf derselben Wellenlänge. Unter Haitink antworteten die fürs große Festsielhaus klein besetzten philharmonischen Streicher auf den ersten Einsatz des Klaviers mit einem samtzarten Pianissimo von jener Güte, mit der auch dieses Orchester nicht jeden Tag gesegnet ist. Das war - in gemäßigtem Tempo vorgetragen, im wahren Sinn des Wortes "große" Kammermusik, Orchestermusik im Kammerton. Und Murray Perahia ließ nicht nur seine stupende, variantenreiche Anschlagskultur hören, sondern überraschte die Hörer auch mit eigenen Kadenzen.

Nach der Pause folgte als gleichsam zweiter Höhepunkt Anton Bruckners Neunte Symphonie in jener Unvollendetheit, die Haitink – allen Rekon-struktionsversuchen des Finalsatzes zum Trotz, die heute vorliegen - nicht antasten möchte. Diese Art von Werk- oder besser Komponistentreue hat etwas für sich, wenn man weiss, wie sehr sich Bruckner mit der Symphonie abmühte und sicherlich nicht nur krankheitsbedingt schwer zu einem Ende finden konnte.

Haitink ist keiner, der in die Musik etwas hineingeheimnist und überirdischen Triebkräften tönt. Er hält sich genau an die Binnentempi des Ersten Satzes, hat ein unglaubliches Gespür für Pausen und für die innere Kraft, die den Satz zusammenhält, für Steigerungen, für dynamische Abstufungen, für das "Nicht-zu-früh", sozusagen für die Ökonomie von Höhepunkten und lässt immer wieder neue Details hören, die anderen entgehen. Er ist ein Meister des Zeigens der verhaltenen Herrlichkeiten, die dem Kopfsatz innewohnen, bis zu jener unerklärlichen leeren Quinte, die ihn wie in einem neuen hellen Schein beschließt.

Wieviel an rationalem Kalkül hinter all dem steckt, lassen die philharmonischen Streicher auch in ihren kraftvollen, aber unglaublich präzis gesetzten Auf- und Abstrichen des Scherzos spüren, oder an jenen Stellen, in den sie abrupter als sonst ihre Kraft verhauchen. Im Schlusssatz versucht Haitink die Balance zwischen dem 19. Jahrhundert und dem Blick in die Zukunft zu wahren. Die Holzbläser-Dissonanzen werden nicht im exhibitionistischen Seht-her-Gestus ausgestellt, sondern klingen beinahe milde. Die Zukunft kommt für Haitink auf leisen Sohlen, auch in jenen Passagen, in denen die Flöte den Klang der Wagnertuben umspielt oder - wie später in Mahlers Neunter Symphonie - fast ziellos auf der Suche nach Instrumenten zu sein scheint, mit denen sie sich verbünden kann.

Derek Weber


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