Mahlers elfte Symphonie

Karita Mattila und Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker Bild: Silvia Lelli

Die Berliner Philharmoniker spielten zum Abschluss der Salzburger Festspiele ein Programm mit Werken von Wagner, Strauss, Schönberg, Webern und Berg

(Salzburg, 29. August 2010) Das letzte Konzert der Salzburger Festspiele 2010 war den Berliner Philharmonikern überlassen. Chefdirigent Sir Simon Rattle dirigierte im Großen Festspielhaus ein Programm, das auf ein ganz spezielles Phänomen der europäischen klassischen Musik hinwies: auf die Ablösung von der Tonalität.

Ja, es geht eben nicht um die "Aufgabe" der Tonalität. Dieser Prozess fand allmählich statt und wurde nicht schlagartig von Arnold Schönberg, für viele der "Böse" schlechthin, vollzogen. Rattle und "sein" Orchester illustrierten den Prozess mit passenden Beispielen. Als erstes gab es Richard Wagners Vorspiel zu "Parsifal" zu hören, darauf folgten Richard Strauss' "Vier letzte Lieder", mit Karita Mattila als Solistin. Der zweite Teil des Programms war der "Schreckenstrias" Schönberg - Webern - Berg gewidmet, den Komponisten, die viele für das Ende der westlichen Musikkultur verantwortlich machen.

Nicht Simon Rattle. Der stellte sich vor diesem Programmteil mit dem Mikrophon vor das Publikum und bat daraum, die "Orchesterstücke" der drei Komponisten als ganzes Werk wahrzunehmen. Ohne Applaus dazwischen. Als "imaginäre elfte Symphonie" Gustav Mahlers. Ein guter Hinweis.

Denn diese immer noch gerne als "neu" apostrophierte Musik ist ja auch schon richtig alt, älter als ein Menschenleben, etwas älter als einhundert Jahre. Und Rattle bemühte sich gar nicht um das Kompliment einer Verjüngung. Statt mit dem Orchester ein kantiges "seht wie frisch, seht wie jung" in den Saal zu posaunen, ließ er, wie ein Anti-Boulez, edle Patina auf den Stücken schimmern. Satt ließ er sie erklingen, in tiefe Orchesterfarben gehüllt, mit warmen, pastellnen Tönen. Das hätte wirklich Mahler komponieren können, hätte er länger gelebt, über 1910 hinaus, und er hätte es wohl auch getan. Es gab damals keinen Ausweg. Man musste das Korsett sprengen, musste es wegwerfen.

Daran hatte ein Wagner längst gefeilt (Tristan) und war dann selbst, zum Parsifal, wieder tonaler geworden. Strauss blieb der Ruf, der Romantik die Treue gehalten zu haben. Aber sind seine Akkordfolgen, sein Changieren, sein In-der-Schwebe-halten denn noch tonal? Er akzeptierte das Korsett vielleicht noch. Aber er verformte es ganz nach seinen Vorstellungen.

Die Parsifal-Ouvertüre glückte in diesem Konzert nicht richtig, trotz des formidablen Orchesters. Das Stück ist für den "Deckel" komponiert - den Deckel über dem Graben des Bayreuther Festspielhauses. Dort hätte es als "Bühnenweihfestspiel" auch nie heraus sollen. Das Verbot hat Wagner gleich ins Stück mit eingebaut. Denn so, nackt auf der Bühne, klang das Vorspiel - selbst aus den Händen von Spitzenmusikern wie der Berliner - zittrig, unsauber, verwackelt. Das überirdische Schweben stellt sich nur von unter dem Deckel in Bayreuth aus ein - allenfalls, unter günstigen Umständen, im "normalen" Orchestergraben. Das Konzertpodium - ein Tabu. Das Publikum reagierte entsprechend zurückhaltend.

Dagegen hatte Richard Strauss mit seinen 1948 fertig gestellten "Vier letzten Liedern" direkte Klangwirkungen im Sinn. Die ließ das Orchester unter Rattle üppig wogen und weben, aber immer dezent genug, um den Gesang Karita Mattilas nicht zu überdecken. Allerdings förderte das gute Klangverständnis leider nicht ein entsprechend gutes Wortverständnis. Mattila verströmte vollmundige Vokalisen, die erst durch das Mitlesen zu Worten wurden. Jubel wollte dem sorgfältig geplanten Programm nicht zuteil werden.

So endete das Konzertprogramm der Salzburger Festspiele 2010 mit Nahrung für den Geist und das Gefühl kam etwas zu kurz. Schade, denn nach einem großen Fest verlangt es nach einem üppigen Kehraus. Am Mittwoch, 1.9., präsentiert das Orchester das selbe Programm beim Lucerne-Festival.

Laszlo Molnar