Eindrücke vom Musikfest Berlin 2012
(Berlin, im September 2012) Die anstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA zum Anlass für das Motto eines Orchester-Festivals zu nehmen, auf diese Idee muss man erst einmal kommen. Aber Winrich Hopp, seit 2007 Künstlerischer Leiter des Musikfestes Berlin, ist immer für originelle Gedanken gut; und das politische Großereignis bildet nur eine Inspirationsquelle, die andere der diesjährige 100. Geburtstag und 20. Todestag von John Cage, einem der einflussreichsten Vertreter der Nachkriegs-Avantgarde.
Vor diesem Hintergrund entfaltete Hopp ein Panorama der US-amerikanischen Klassiker der Moderne mit einem Schwerpunkt auf Neu-England, angereichert durch Exilanten von Rachmaninow bis Schönberg und durch den Blick der Amerika-Begeisterten: von Varèse, der in "Amériques" den überwältigenden akustischen Eindruck der Großstadt New York musikalisch einfing, bis zu Stockhausen, der seine elektronischen "Hymnen" Amerika, dem "Land der Flüchtlinge, der Vertriebenen (...) auf den Leib geschrieben" hat.
Auf ein komplexes dramaturgisches Beziehungsgeflecht, in dem Werke und Komponisten sich bei den Festivals der vergangenen Jahre gegenseitig beleuchtet hatten, verzichtete Hopp dieses Mal weitgehend und ebenso auf eine ausführliche Würdigung des Geburtstagskindes, das sich gerade in Berlin in diesem Jahr wahrlich nicht über mangelnde Präsenz hätte beklagen können; Cage stand daher nur in zwei Veranstaltungen im Mittelpunkt. Stattdessen gab es viel selten Gehörtes - vielleicht gar zu selten Gehörtes, denn in so manchem Konzert blieben doch etliche Plätze leer, und auch in der Hauptstadt frisst das Publikum nicht gern, was es nicht kennt.
Dabei waren ausschließlich "big names" vertreten. Wenn man denn zur Programmgestaltung etwas kritisch anmerken möchte, dann vielleicht, dass weniger bekannte Namen - erwähnt seien als Beispiele nur der Experimentator und Cage-Lehrer Henry Cowell oder auch gegenwärtige Komponisten, abgesehen von dem 103-jährigen Elliott Carter - das Amerika-Bild farbiger gemacht hätten. Abgesehen davon, dass es natürlich interessant gewesen wäre, dieses Repertoire von amerikanischen Orchestern zu hören - aber deren Honorar-Vorstellungen sprengen inzwischen vermutlich den Rahmen.
Aber allein schon die Möglichkeit, dem großen Visionär Charles Ives in verschiedenen Facetten seines Oeuvres zu begegnen, lohnte das Festival-Thema. Der "Urvater" der amerikanischen Moderne, ein Zeitgenosse Arnold Schönbergs, steht paradigmatisch für den amerikanischen Gegenentwurf zur europäischen Musikauffassung, für Offenheit und Freiheitswillen versus hermetische Abgrenzung. Ives, der exzentrische Außenseiter, der seinen Lebensunterhalt mit einem überaus lukrativen Versicherungsunternehmen verdiente, suchte die Tiefe, das Mystische, das Spirituelle, ohne Scheu vor dem Populären, vor Marschmusik und Massengesängen - und mit einem Hang zum Utopischen: Dass seine grandiose vierte Sinfonie, eine tönende Philosophie über den Sinn des Lebens, so gut wie nie im Konzert zu erleben ist, liegt sicher zu einem guten Teil an dem erforderlichen gewaltigen Orchester-Apparat mit Solo-Klavier, zwei Orchester-Pianisten, Viertelton-Klavier, Orgel, Celesta, zahlreichen Schlagzeugern und großem Chor.
Ingo Metzmacher, seit seiner Jugend bekennender Ives-Fan ("ich halte ihn für einen der größten Komponisten überhaupt") lotst die Berliner Philharmoniker unerschrocken durch die komplexe Architektur dieses Werkes, das mit Raumklang arbeitet und in dem oft mehrere Schichten übereinander gelagert sind, in unterschiedlichem Tempo und unterschiedlichen Tonarten. Trotzdem will sich eine überwältigende Wirkung nicht so recht einstellen. Überhaupt gehört dieser Abend mit Gershwins "Cuban Ouverture", Antheils "Jazz Symphony" und den "Symphonischen Tänzen aus der West Side Story" von Bernstein, die die Philharmoniker erstaunlicherweise zum ersten Mal in ihrer Geschichte auf den Pulten liegen haben, nicht zu den Sternstunden des Orchesters: Es fehlt am Swing, an der Lockerheit, es herrscht zu viel philharmonischer Wohlklang.
Auch sonst war das Niveau dieses Festivals durchwachsen: Das Amsterdamer Concertgebouworkest, vor einigen Jahren vom britischen "Gramophone"-Magazin zum besten Orchester der Welt erklärt, erwies sich unter seinem Chef-Dirigenten Mariss Jansons als ausgesprochen enttäuschend: Vom bernsteinfarbenen Klang, mit dem das Orchester sonst verzaubert, war in Strawsinkys "Psalmensymphonie" und Barbers berühmtem "Adagio for Strings" nichts zu hören; in Schönbergs "A Survivor from Warsaw" erwies sich der große russische Bariton Sergei Leiferkus als eklatante Fehlbesetzung, weil trotz Mikroport weder ausreichend laut zu vernehmen noch zu verstehen.
Eins der Konzerte des Jahres dürfte hingegen der Auftritt des London Symphony Orchestra unter seinem ehemaligen Chefdirigenten Michael Tilson Thomas gewesen sein, des wohl renommiertesten Experten für die Musik seiner amerikanischen Heimat. Der TV-erprobte Maestro bereitete das Publikum in fast akzentfreiem Deutsch verbal auf Coplands "Orchestral Variations" sowie "Piano and Orchestra" des Leisetöners Morton Feldman vor und zog es dann so in seinen Bann, dass man in Feldmans zartem Klanggemälde den kollektiv angehaltenen Atem spüren konnte.
In gewisser Weise verkörperten die Gäste aus Old England das Bild der Neuen Welt mit ihren unbegrenzten Möglichkeiten und der Freiheit des Daseins, wie es sich seinerzeit Varèse & Co präsentiert haben mag. Und dem Musikfest Berlin kommt das Verdienst zu, diesen hierzulande unterschätzten musikalischen Kontinent ins Blickfeld geholt zu haben.
Eva Blaskewitz