Das Bergen-Festival in Norwegen zeigt neue Formen zeitgenössischen Musiktheaters und vieles mehr
(Bergen, 27.-28. Mai 2010) Schmerz, Leid, Liebe, Einsamkeit, Betrug, Hoffnung und Tod sind Themen der klassischen Passionen, die die letzten Tage im Leben Jesu nachzeichnen. Die christliche Religion befreit die Menschen von ihrem Leid durch den Kreuzestod Jesu. Soweit die Religion. Weil heute aber viele Menschen diesen Glauben nicht mehr haben, müssen sie ihr Kreuz selber tragen, meint der spanische Regisseur Calixto Bieito und hat mit seinem Stück "Voices" eine moderne Passion, die nicht von Christus, sondern von alltäglichen Menschen handelt, auf die Bühne gebracht. Zusammen mit der norwegischen Oper "Anne Pedersdotter" von Edvard Fliflet Braein erlebte Bieitos Passion beim Auftakt des Bergen Festivals in Norwegen ihre Uraufführung.
Bieito erzählt im Interview, dass er von den katholischen Passionen seiner Heimat stark geprägt wurde und schon lange den Wunsch habe, eine Passion auf die Bühne zu bringen. Jedoch eine ohne Religion für die Menschen heute mit ihren Ängsten, denn Angst sei einer der wichtigsten Motoren für das Verhalten der Menschen.
Bieito und sein Dramaturg Marc Rosich haben unterschiedliche Texte, die menschliches Leid schildern, miteinander collagiert und mit Musik verschiedenster Stilrichtungen verblendet: den Lebensbericht eines todkranken Krebspatienten, die Gedanken einer Mutter, deren Sohn bei einem Bombenattentat ums Leben gekommen ist, Beschreibungen von Nah-Tod-Erlebnissen oder Primo Levis Aufzeichnungen aus einem Nazi-Konzentrationslager.
Was leicht in Betroffenheits-Theater hätte umkippen können, wird bei Bieito und den Schauspielern und Sängern des Kopenhagener Betty Nansen Theaters zu einem bewegenden Panoptikum menschlichen Leids, das die Zuschauer unmittelbar berührt.
Dabei geht es für Bieito nicht allein um die Darstellung von Leid in unterschiedlichen Formen, sondern auch und vor allem um dessen Überwindung durch Katharsis.