Auch ansonsten ist hier nichts in einfacher Ausführung zu bekommen, sondern muss gleich gigantische Ausmaße annehmen. Also zitiert Stölzl ausgiebig die schwebenden Züge und Autobahnen aus Fritz Langs Stummfilmklassiker "Metropolis", entlehnt er dort die Idee, Cellinis Lehrling Ascanio als Roboter agieren zu lassen und ist auch sonst um kein Filmzitat verlegen. Die junge amerikanische Mezzosopranistin Kate Aldrich - eingesprungen für Vesselina Kasarova - hat glücklicherweise keine Probleme, sich virtuos eckig zu bewegen und dabei rund und in allen Lagen sicher zu singen.
Im zweiten Akt zähmt Stölzl die Bilderflut endlich, setzt mit Licht erstmals genaue Akzente statt die Bühne mit bunt schillernder Zuckerguss-Beleuchtung zu garnieren. Jetzt sind sogar die s/w-Projektionen im Hintergrund präzise auf das Geschehen im Vordergrund abgestimmt, schwenkt das Bild etwa von den Grundmauern des Kolosseums über Baukräne in den Himmel, während vorne Cellini im Liebesduett Teresa hält wie einst am Bug der "Titanic" Leonardo seine Kate. Hinreißend komisch gelingt Stölzl der schon in der Musik grandios parodistisch, pompös und beißend ironisch angelegte Auftritt des Papstes (ein würdevoller Geck in Stimme und Erscheinung: Mikhail Petrenko) als Popstar inmitten schriller Schweizer Gardisten wie aus dem Fantasy-Film und zweier blonder Tunten, die Goldglitzer werfend ihn umschlängeln und umgarnen mit einem Ballett der Hände, Hüfte, Beine und Füße.
Leider findet Stölzl für die eminent dramatische und bühnenwirksame Schluss-Szene des Gusses der berühmten Perseus-Statue erneut keine zwingende szenische Umsetzung, so gigantisch auch die Requisiten dafür aussehen und wieviele Statisten und Mitglieder des Wiener Staatsopernchors auch immer dabei herumwuseln. Das allerletzte Tableau ähnelt mit einer Fähnchen schwingenden Masse unter Luftschlangen-Regen fatal chinesischen Propaganda-Aufzügen.
Burkhard Fritz, der für Neil Shicoff alle Vorstellungen übernommen hat, ist als Erscheinung durchaus der vitale, selbstsichere, draufgängerische Renaissance-Bildhauer, doch stimmlich schont er seinen feinen, keineswegs lyrischen Tenor allzu sehr. Vielleicht hat er vor den Klanggewittern kapituliert, die Valéry Gergiev mit den Wiener Philharmonikern entfacht. Kaum ein Hauch von französischer clarté, von präziser Artikulation, von differenziertem Klang, von federnder Rhythmik, von abgestufter Dynamik beim Musizieren dieser zugegeben heiklen, schwierigen, von den Philharmonikern wohl noch nie gespielten Partitur. In der Karnevalsszene ereignet sich dabei nur noch eines: Tumult, dem man dem gut präparierten Chor nicht anlasten darf. Einem Weltklasse-Orchester und einem nicht minder berühmten Dirigenten sollte dergleichen in einer Festspielproduktion nicht passieren. Das Salzburger Premierenpublikum applaudiert dennoch begeistert, war anscheinend auch mit Philipp Stölzl einverstanden.
Klaus Kalchschmid
Am Mittwoch, 15. August (20.15 Uhr) zeigt 3SAT einen Mitschnitt der Produktion.
Weitere Vorstellungen in Salzburg: 15., 18., 21., 26. und 30. August.