Sonia Simmenauer: "Muss es sein? Leben im Quartett".
Berenberg Verlag Berlin, 2008. 129 Seiten.
Das Streichquartett gilt vielen als Höchstes in der Kunst. Wie aber lebt es sich damit im Alltag? Sonia Simmenauer ist seit 1989 Quartett-Agentin und muss das wissen. Sie betreute und betreut Größen wie das Alban Berg Quartett oder das Guarneri Quartett, die Quartette Hagen, Belcea oder Ysaÿe. Ihr Büchlein "Muss es sein? Leben im Quartett" beleuchtet die vier Menschen am Instrument. Und: Es stellt mit Motto aus Beethovens op. 135 auch gleich die Kernfrage: Warum Quartett? Die Annäherung geschieht in überschaulichen und mit amüsanten Anekdoten gewürzten Kapiteln, die aus ungewohnter Perspektive viele Bereiche des Quartettlebens abdecken. Wie findet man seine Mitspielenden, wie einen Namen? Welche Probleme tauchen beim Proben auf? Welche Freuden und welche Leiden hält die viel zitierte "Ehe zu viert" bereit? Welche Überraschungen der Reisealltag? Zug, Taxi, Hotel, Verpflegung, Konzertsaal, Beleuchtung, Proben: Das Banale, auf dem der für das Publikum sicht- und hörbare Teil beruht, ist oft entscheidend. Und im Quartett besonders störanfällig. Denn: "Auf Reisen betrifft fast alles, was einem einzelnen geschieht, alle vier." Nicht nur dort. Die Freiheit von Quartettmusikern ist relativ. Zwar sollen vier Instrumente zu Geltung kommen, aber als Einheit. Zur dieser spezifischen Ästhetik des Quartettmusizierens hat sich Simmenauer mit Musikern unterhalten. Und Antworten gesammelt, die dem Leser wertvolle Einsichten ermöglichen. Günther Pichler vom Alban Berg Quartett vergleicht den Quartettmusiker mit einem Chamäleon, das jederzeit eine bestimmte Farbe annehmen können müsse. Walter Levin ereifert sich: "Um Gottes Willen! Wenn sie wie ein Instrument spielen, dann brauchen wir doch nicht vier." Auf den Punkt bringt es Patrick Dutton vom Emerson Quartett: "In den ersten zehn Jahren arbeitet man hauptsächlich an der Homogenität des Ensembles, die nächsten zehn beschäftigt man sich damit, auch heterogen spielen zu können". Die Agentin Simmenauer kennt natürlich auch Veranstalter von Kammermusikreihen, die sie mit ihren bisweilen schrulligen Eigenheiten liebevoll porträtiert. Und deren Sorge: das überalterte Publikum. Dies, obwohl junge Quartette zurzeit boomen. Eine Antwort auf dieses Phänomen ergibt sich letztlich aus dem, was man als Summe von Simmenauers Buch bezeichnen kann: Streichquartett spielen bedeutet höchste Befriedigung. Weil es eine beispielhafte und an Idealen sich orientierende Arbeits- und Lebensform ist. Ohne Pathos analysiert Simmenauer, was es mit der "Ehe zu viert" wirklich auf sich hat. Sie kommt zum Schluss, dass hier eine ideale Demokratie en miniature verwirklicht ist. Eine Form, die jedem teilweise Autorität zugesteht: In dem, was er am besten kann und dabei dem Ensemble am besten dient.
Benjamin Herzog