Trostloser Kostümball mit hinreißender Musik

Foto: Monika Rittershaus

Händels Oratorium "Belshazzar" unter der Leitung von René Jacobs auf der Bühne der Berliner Staatsoper

(Berlin, 1. Juni 2008) Babylon, die Stadt der Städte, wird in Georg Friedrich Händels "Belshazzar" aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet: als Ort hemmungsloser Prachtentfaltung des ruchlosen Königs Belshazzar und seines Volks; als Gefängnis der unterdrückten Juden; als scheinbar uneinnehmbare Festung für die belagernden Perser. An einem einzigen Tag geschehen hier weltumwälzende Dinge: sieht der Perserkönig Cyrus in einer göttlichen Eingebung einen Weg zur Eroberung der Stadt; liest der jüdische Prophet Daniel aus seinen Büchern das baldige Ende der babylonischen Gefangenschaft; feiert Belshazzar ein orgiastisches, gotteslästerliches Fest, in dessen Verlauf an der Wand eine geheimnisvolle Schrift erscheint und auf den Sieg der Perser vorausweist.

"Belshazzar" liefert den Stoff, aus dem Opernträume sind, mit seinem bühnenwirksamen Geschehen und der konsequent eingehaltenen Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung. Die konzertante Konzeption von Händels Oratorium ist ohnehin mehr als Notlösung zu verstehen - zurückzuführen auf die Umstände, da Händels großer Erfolg als Opernkomponist in London vorbei war und er sich mit seiner ureigenen "Erfindung", dem dramatischen Oratorium, ein neues Betätigungsfeld erschlossen hatte. Dass das Geschehen, getragen von einem Chor, der drei verschiedene Völker darstellt, bei konzertanter Aufführung kaum zu entschlüsseln ist, wurde seinerzeit durch ausführliche Handlungsanweisungen im Libretto kompensiert. Heutzutage liegt also nichts näher, als dieses Oratorium szenisch umzusetzen. Allerdings erfordert das eine überzeugende Konzeption - und daran scheint es dem Regisseur Christof Nel, der viele packende, hintergründige Inszenierungen auf die Bühne gebracht hat, in diesem Fall zu fehlen.

Im treppenartig aufgebauten Einheitsbühnenbild (Bühne: Roland Aeschlimann) schleppt sich das Geschehen einheitsgrau dahin, wird der ununterbrochen präsente Chor oft ohne erkennbare Motivation mal hierhin, mal dorthin verschoben, ergeht sich Belshazzar - der hier auch stimmlich nicht sehr überzeugende Kenneth Tarver - in zwar dämonisch-suggestiven, doch allzu stereotyp wiederkehrenden Gesten, verstreichen die Gelegenheiten zu bühnenwirksamen Einlagen, etwa während des Festgelages, ungenutzt. Aufgesetzt wirkt der Einsatz von vier Akrobaten, die unablässig um den babylonischen König herumturnen, matt der Versuch, den Chor mittels Efeukränzen aus dem geknechteten jüdischen Volk in die ausschweifenden Babylonier zu verwandeln, unspektakulär die roten Rinnsale, die sich auf dem Höhepunkt des dramatischen Geschehens als flammende Schrift über die zur Wand zusammengeschobenen Treppenstufen ergießen. Einzelne sehr atmosphärische Tableaus, etwa wenn der Chor beim letzten Auftritt des frevelhaften Belshazzar zu einem Fixbild erstarrt, können dem öden Gesamteindruck ebenso wenig abhelfen wie die aufwändigen, von Bettina Walter individuell gestalteten Kostüme.

Auch musikalisch erfüllte die Premiere nur zum Teil die Erwartungen: Etwas blass blieb trotz ihrer eigentlich sehr ausdrucksstarken Mezzosopran-Stimme die Schwedin Kristina Hammarström als Daniel, ebenso Neal Davies in der Rolle des Cyrus-Vertrauten Gobryas. Einen eindrucksvollen Cyrus bot hingegen der Counter-Tenor Bejun Mehta, mit gleichmäßig voller, warmer Stimme und risikobereitem, virtuosem Umgang mit den Koloraturen. Besonders stach aus der Solisten-Riege die Händel-Spezialistin Rosemary Joshua als Nitocris heraus - Mutter Belshazzars und heimliche Hauptfigur, die ebenso heroisch wie vergeblich versucht, ihren Sohn von seinem unheilvollen Weg abzubringen: Nach anfänglicher Unsicherheit brachte Rosemary Joshua die wundervollen Arien, die Händel für Nitocris ersonnen hat, ausdrucksvoll und klangschön zur Geltung.

Als eigentlicher Star des Abends erwies sich aber der RIAS-Kammerchor: wie gewohnt technisch makellos, silbrig schimmernd im Ton und dazu überaus spielfreudig, mit ausgeprägter szenischer Darstellungskunst. Auch die Akademie für Alte Musik Berlin spielte unter der Leitung von René Jacobs erwartungsgemäß temperamentvoll und mit Sinn für Details einschließlich ruppiger Einwürfe.
Vielleicht wäre diesem "Belshazzar" eine halb-szenische Aufführung doch besser bekommen.

Eva Blaskewitz

www.staatsoper-berlin.de