Quadratur des Originalklangs
Ludwig van Beethoven: Sinfonien 7 und 8
Gesamtaufnahme aller Sinfonien
Radio-Sinfonieorchester Saarbrücken unter Stanislaw Skrowaczewski
OehmClassics, 1CD, www.oehmsclassics.de
Kann man mit Beethovens Sinfonien noch Aufsehen erregen? Die suggestive Frage erzwingt natürlich ein "ja", aber: es gibt auch ein "aber" dabei. Aber: man muss auch frei dafür sein. Die Stars der Musikwelt scheinen das schon lange nicht mehr zu sein. So, wie Brahms einst sagte, man könne nach Beethoven keine Sinfonien mehr komponieren, scheint für die sogenannten großen Dirigenten zu gelten, dass man nach Karajan keinen Beethoven mehr dirigieren kann. Die Stars haben kaum mehr getan, als ihre berühmten Orchester zu beschäftigen und dafür die alten Formeln zu betätigen. Letzter Spross dieser Reihe: Simon Rattle. Die kombinierte Ehrfurcht sowohl vor Beethoven als auch vor den Wiener Philharmonikern ließen seine einst so harte Hand weich werden. Da galt wirklich: bei Beethoven nichts neues.
Dagegen blühte die Erkenntnis auf einmal in der Nische auf. Seine energischsten Entdecker fand Beethoven bei den kleinen Labels. Zinman malte seine Musik al fresco, aber mit kräftigen Farben und dem Tonhalle Orchester auf dem Label Arte Nova. Sir Roger Norrington gab Beethovens Sinfonien mit seinem Schlachtruf "no vibrato" und dem Radio Sinfonie Orchester Stuttgart auf Hänssler Classics neue Töne. Und wie unbeirrt von diesen Aktivitäten nahm sich in der musikalischen Provinz, in Saarbrücken nämlich, der aus Polen stammende Dirigent Stanislaw Skrowaczewski mit dem dortigen Radio Sinfonie-Orchester die Zeit, Sinfonie für Sinfonie unter die Lupe zu nehmen. Sein Label: Oehms Classics. Nun ist auch sein Gesamtprojekt zu Ende. Zwar hat zwischendurch Zinman schon die höchsten Kritiker-Weihen für seine Einspielungen erhalten, aber Skrowaczewski liegt auch nicht schlecht im Rennen. Seine mit den Sinfonien 7 und 8 abgeschlossenen, jetzt auch als Kassette erhältlich Gesamtaufnahmen hat ihren ganz eigenen Ton, hebt sich ab vom herben Brio Zinmans und der schroffen Drahtigkeit Norringtons.
Seine Haltung werden Hörer goutieren, die sich bei all dem Originalklang und all der Klangrede auch nach etwas Karajan sehnen. Nach weitgespannten Bögen, die ruhig im eigenen Klang schwelgen dürfen. Nach geplanten Steigerungen auf Höhepunkte hin. Die in der Erregung der Klassik schon den Vorgeschmack der Fülle der Romantik suchen. Skrowaczewski tut das alles, aber er lässt das andere nicht bleiben: Das Innere der Musik belebt er mit jenen Mitteln, welche die Original-Kollegen inzwischen entdeckt haben. Da klingt der Beethoven, wie man ihn in den letzten zwanzig Jahren neu erfunden hat. Der Klassiker, der seine Gebäude mit motivischer Arbeit baut, der genau zeigt, wo und in welchen Klanggruppen die Kraftlinien verlaufen, dem die Holzbläser nicht Beimischung der Klangfarbe sondern vollgültige Träger der Entwicklung der Musik sind. Mit der Eroberung der Romantik durch die Barockmusiker und Klassiker ist man schon vertraut. Dass sich aber die Romantik so geschickt die Original-Erkenntnisse aneignet wie Skrowaczewski est tut, das kam unerwartet. Kein Wunder, dass es mit Beethoven geschieht. Er markiert den Wendepunkt von Witz, Transparenz und Spielfreude der Klassik zum Ernst und der emotionalen Dichte der Romantik. Deshalb ist seine Musik so offen für Neues. Skrowaczewski und sein hoch motiviertes Orchester bringen es zur Sprache.
lm