Die einsame Quinte

Giogio Battistelli Foto: Roberto Masotti

Im Rahmen des Festivals KlangZeit 2012 in Münster gab es eine bemerkenswerte Uraufführung: Giorgio Battistellis "Pacha Mama" für großes Orchester wurde uraufgeführt, komponiert im Auftrag der Gesellschaft für Neue Musik Münster

(Münster, 6. März 2012) Giorgio Battistelli gehört mit Salvatore Sciarriono zu den wichtigsten italienischen Komponisten der Gegenwart. Nur fünf Lebensjahre trennt die beiden, aber unterschiedlicher könnte ihre Musik nicht klingen. Der in Palermo 1947 geboren Sciarrino ist ein Meister der leisen, feinen Klänge am Rande der Unhörbarkeit. Battistelli (Jahrgang 1953) türmt mit einem Faible für Orchesterwucht Klangmassen zu großen Spannungsbögen auf. Sein Stück "Experimentum Mundi" von 1981 brachte Handwerker aus seinem Heimatort Albano bei Rom auf der Bühne, die lautstark ihrem Geschäft nachgehen, während Schlagzeuger die Hammer- und Meißelrhythmen aufgreifen. Für seine Opernstoffe greift Battistelli zu berühmten literarischen Vorlagen. Aus Sten Nadolnys "Die Entdeckung der Langsamkeit" (1997 in Bremen uraufgeführt) oder Ernst Jüngers "Auf den Marmorklippen" (Uraufführung Mannheim 2002) hat er Opern kreiert. Für die Modestadt Düsseldorf hat er eine fesche und krachende Modeoper geschrieben. Oder Filmthemen seines Landsmann Pier Paolo Pasolini verarbeitet. Sein aktuelles Musiktheaterprojekt für die Mailänder Scala im Rahmen der Expo 2015 soll sogar ein global relevantes Thema haben. Es wird ja auch für eine Weltausstellung konzipiert. Das könnte unbequem werden, denn die Texte wird der Librettist J. D. McClatchy aus Al Gores "Eine unbequeme Wahrheit" zusammenstellen, in der der ehemalige US-amerikanische Präsidentschaftskandidat über den Stand der Erderwärmung und die verheerenden Folgen einer Klimakatastrophe referiert.

Die orchestrale Vorstudie zu diesem Projekt - ohne Text - vom Sinfonieorchester Münster im Rahmen des Festival KlangZeit vorgestellt, hat schon einmal einen Vorgeschmack davon gegeben, wie diese Katastrophe auf einer Bühne klingt.
Die Katastrophe hat ein mythisches Gesicht. "Pacha Mama" ist der Titel dieser Studie, wahrscheinlich auch der Titel der Oper, und bezieht sich auf eine Inkagöttin, die die Erde verkörpert. Am Anfang schlägt Mutter Erde. Lange, suchende, richtungslose Töne in den Streichern erzeugen eine Art von Dämmerzustand. Ein Urwaldvogel ruft hinein. In dieses Adagio mischt sich ein zunehmend irritierender Mikrokosmos aus kakophonischen Bläserspitzen. Dann taucht in den Streichern plözlich und unerklärlich das B-A-C-H-Thema auf. Bevor rhythmische Fanfaren im Blech einen akustischen Tsunami auslösen. Battistelli weiss, wie er das Orchester zur urgewaltigen Natur werden lässst. Und das Sinfonieorchester Münster spielt sich mit Hingabe in die Katastrophe. Ist das der sinfonische Vorgeschmack einer Klimakatastrophe mit ihren Orkanen, Wirbelstürmen und Tornados? Es folgt ein inzwischen für Battistelli typischer, rhythmisch aufgeladener Abschnitt. Die Streicher schlagen auf ihre Saiten, die Instrumente stampfen. Sie tanzen einen primitiven Urtanz gegen oder in die Katastrophe, das ist nicht ausgemacht. Überall wirbeln Motivsplitter, gibt es Krachwirbel und ein riesiges Streicherdrama. Dann fällt alles in sich zusammen. Wie nach einem Wirbelsturm ist alles weggefegt. Der Klang gleitet ab in eine tiefen Grund. Die Tuba schmettert ein letztes Mal. Das Kontrafagott grummelt. Und ein choralartiger Gesang hebt an. Zum Schluss steht nur noch eine einsame leere Quinte im Raum. Ein Neuanfang? Der Hauch einer Vision? Oder die Ruhe vor dem nächsten Sturm - der in diesem Konzert mit der Tondichtung Don Juan op. 20 von Richard Strauss in vergleichbarer Stärke Orchestergewalt entfesselt.

Dass jetzt auch Münster eine Battistelli- Uraufführung verbuchen kann – wie schon Köln, Düsseldorf, Hannover, Bremen oder Mannheim, hat nicht nur damit zu tun, dass Deutschland im Vergleich zu Italien immer noch eine aufgeschlossene Szene für Neue Musik hat. In Münster  gibt es eine noch persönlichere Bindung. Der GMD Fabrizio Ventura und Battistelli kennen sich seit Kindertagen. Beide sind in Albano bei Rom aufgewachsen und sogar in dieselbe Schule gegangen. Als die Gesellschaft für Neue Musik eine Auftragskomposition für das diesjährige Klangzeitfestival in Aussicht stellt, das ja vom Sinfonieorchester mit veranstaltet wird, fragt Ventura bei Battistelli an. Die Stichwörter sind Natur - die Überschrift über der diesjährigen Sinfoniekonzertaboreihe - und Lateinamerika, das Motto des Festivals. Und Battistelli ist mit dieser orchestralen Vorstudie zu seiner geplanten Oper dabei.  Mama Pacha ist unter großem Applaus über die Bühne des Münsteraner Theaters gegangen. Leider ohne Battistelli, der sich zwar angekündigt hatte, aber angeblich aus privatem Grund verhindert war. Liebeskummer wurde im Hintergrund gemunkelt. Dazu steht ein Italiener, Naturkatastrophe hin oder her!

Sabine Weber

 


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