Zum 200. Geburtstag von Frédéric Chopin: Daniel Barenboim mit einem Soloauftritt in Münchens Philharmonie
(München, 18. Februar 2010) Musikerpersönlichkeiten können kaum unterschiedlicher sein als Frédéric Chopin und Daniel Barenboim. Hier der kränkliche, publikumsscheue Chopin, der zeitlebens nur rund 30 öffentliche Konzerte gab und sich in seinem Komponieren und Musizieren fast ausschließlich aufs Klavier beschränkte. Dort der mit schier unversiegbarer Kraft ausgestattete, auch mit 67 Jahren noch unverändert tatendurstige Barenboim, der gefühlt fast täglich auf einer Bühne zwischen Berlin, Mailand und New York zu erleben ist und dabei schon seit langem das Klavier immer wieder mit Dirigentenpult und Orchester tauscht. Chopins 200. Geburtstag hat Barenboim nun zum Anlass genommen für eine ausgedehnte Solo-Tournee mit einem reinem Chopin-Programm quer durch Europa, auf der er auch in Münchens Philharmonie am Gasteig Halt machte.
Als Chopinexperte hatte sich Barenboim lange nicht hervorgetan. Bereits einige Jahrzehnte alt sind seine Aufnahmen von Nocturnes, Sonaten und Préludes. Vielleicht führte gerade diese Chopin-Abstinenz dazu, dass Barenboim sich nun mit umso größerer Musizierlust in diesen Chopin-Marathon warf. Nach fast sechs Jahrzehnten Bühnenerfahrung braucht und sucht Barenboim nach wie vor den Kontakt zum Publikum. In der restlos ausverkauften Philharmonie am Gasteig war dieser Kontakt räumlich ein besonders enger, weil auch auf der Bühne die Zuhörer dicht an dicht saßen, bis auf wenige Meter an den Flügel heran. Musikalisch besonders intensiv wurde der Kontakt dort, wo Barenboim seine nach wie vor grandiose Pianokultur zur Geltung bringen konnte, sein Gefühl für den samtenen Anschlag, der weder brüchig noch süßlich ist, sondern stets von ernster, substanzieller Schönheit bleibt. Die Berceuse op.57, in der Chopin über einer ostinaten, sanft wiegenden Bassfigur filigrane, kaleidoskopartige Variationen ausbreitet, wurde zu einem Höhepunkt, weil Barenboim ihr sanfte Größe gab, statt sie im Kitsch zu ertränken. Ebenso gelungen das berührend ins Nichts sich verästelende Des-Dur-Nocturne op. 27 Nr. 2.
Neben diesen Höhepunkten gab es an diesem Abend aber leider auch einige Momente, in denen Barenboim hörbar an die Grenze seiner momentanen pianistischen Leistungsfähigkeit gelangte. Am deutlichsten wurde das in der Polonaise As-Dur op. 53, der "Heroischen", die mit ihren rasenden Oktavskalen, schwer zu greifenden Akkorden und wirbelnden Arpeggien höchste Virtuosität verlangt. Vieles wackelte und polterte, heftiges Pedalgestampfe und heroische Mimik mussten retten, was zu retten war. Ähnliches in der berühmten b-Moll-Sonate: Deren ersten Satz nahm Barenboim viel zu langsam, stauchte an den technisch heiklen Stellen das Tempo noch weiter und suchte durch ausgiebigen Pedalgebrauch manch Ungenauigkeit zu kaschieren. Die technischen Begrenzungen bestimmten die musikalische Gestaltung. Barenboim tut sich keinen Gefallen, wenn er sich mit solchen Stücken noch auf die Bühne wagt.
Vielleicht hätte er stattdessen mehr Walzer spielen sollen. Mit denen verzauberte Barenboim das Publikum wie in seinen besten Zeiten als Pianist. Im zugegebenen Minutenwalzer op. 64 Nr. 1 ließ er mit der Rechten eine schier endlose Melodie mäandern, während die Linke bohrend brodelnde Walzerrhythmen artikulierte - das war keine parfümierte Salonschwüle, sondern ein Ausblick auf Späteres, der gefangen nahm. Nach anfänglich zurückhaltenden Publikumsreaktionen am Ende vier Zugaben und Standing Ovations, die wohl vor allem dem Menschen und Musiker Barenboim galten, der als Pianist schon bessere Tage gesehen hat.
Markus Schäfert