Die Bamberger Symphoniker unter Jonathan Nott ehren Gustav Mahler in ihrer akustisch runderneuerten Philharmonie
(Bamberg, 17. - 19. Juli 2010) Was für eine wunderbare, mittelalterlich-barocke Stadt mit ihrem hoch über den Dächern thronendem romanischem Dom und der ebenfalls auf einem der Hügel weithin sichtbaren barockisierten Klosterkirche von St. Michael! Gerade wieder haben ein Wochenende lang Zauberkünstler, Feuerschlucker und andere Artisten die historischen Plätze der vollständig erhaltenen Altstadt bevölkert. Doch auch ein besonderes Ereignis der klassischen Musik fand zum überhaupt ersten Mal statt: eine sommerliche Biennale der Bamberger Symphoniker kurz vor den Bayreuther Festspielen, bei denen viele Bamberger im Orchester sitzen. Schwerpunkt war und ist noch bis Sonntag "Der späte Mahler". Spaziert man von der Altstadt an der Regnitz entlang zur Philharmonie, die direkt am Fluss liegt, kommt man nicht nur am berühmten "Klein-Venedig" vorbei, sondern kann auch beobachten, wie immer mal wieder ein paar Jungs das kühle Nass zur Abkühlung nutzen und sich lässig an der Konzerthalle vorbeitreiben lassen, die ganze Klassik sozusagen links überholen.
Fünf Mahler-Symphonien hat der 47-jährige Brite Jonathan Nott mit den Bamberger Symphonikern, deren Chef er seit 10 Jahren ist, bereits beim Label Tudor auf Platte herausgebracht: Erste und Zweite, Vierte, Fünfte und die mehrfach preisgekrönte Neunte. Im Herbst kommt eine Liveaufnahme der Dritten auf den Markt. Im Frühjahr soll die Achte folgen, die jetzt zum Abschluss der Biennale mitgeschnitten wird. Dass dieser bald komplette Mahlerzyklus sich auf dem an guten Aufnahmen wahrlich nicht armen Plattenmarkt behaupten kann, hat durchaus seine Gründe. Denn die Präzision und Lebendigkeit, mit der hier musiziert wird, der Facettenreichtum etwa im Kopfsatz der Ersten oder der Fünften ist schlicht unerhört. Und das bei einem Orchester, das dieses Repertoire lange nicht gespielt hat und einem Dirigenten, der es sich gerade - aber wohl umso intensiver - erstmals erschließt. Aber Nott betont nicht umsonst: "Wir sind ein eingespieltes Team und ich weiß, dass ich mit meinem Orchester am Abend spontan sein kann. Wenn der Schlag zu eindeutig ist, wird der Klang hart. Man braucht eine gewisse Unsicherheit, damit er sich gut entfalten kann." Deshalb sind Notts Bewegungen beim Dirigieren sehr lebendig und detailreich, zwingen sie die Musiker dazu, genau hinzuschauen, denn "die Probenarbeit darf das Ergebnis nicht festlegen. Von zehn Möglichkeiten dirigiere ich vielleicht eine, die sich daraus ergibt, wie der Soloflötist eine Phrase gespielt hat."
Das ist besonders deutlich und aufregend zu erleben beim "Lied von der Erde" zu Beginn des kleinen Festivals: So viele verschiedene Tempi auf engem Raum, soviel tatsächlich ganz spontan wirkende Wendungen, soviel Flexibilität wie sonst nur bei Gesangsphrasen hört man selten in dieser wunderbar vielfältigen Lied-Symphonie. Trotz Waltraud Meier und Klaus Florian Vogt als Solisten spielt das Orchester hier die Hauptrolle und erzählt ohne Worte beredt von Leben und Tod, ausgelassenem Trinken und der Einsamkeit eines Menschen, der im halbstündigen Finalsatz, "Abschied" überschrieben, wie Mahler in die Berge wandert - um dort eins mit der Natur zu werden.
1993 gebaut, war die "Philharmonie an der Regnitz" schon immer ein akustisch hervorragender Saal. Doch dann kam vor einem Jahr der berühmte Akustiker Yasuhisa Toyota, dem so exzellente Säle wie die Tokioter Suntory Hall zu verdanken sind, wie auch ein Gutachten für Gasteig und einen (un)möglichen Konzertsaal am Marstallplatz. Er setzte eine Reihe von Verbesserungen um: Das Podium, auf dem die Musiker spielen, wurde leicht erhöht und bildet nun fast ein kleines Amphitheater. Also klingen die links auf einem hölzernen Hohlraum anderthalb Meter hoch sitzenden Kontrabässe enorm sonor: "Das verstärkt den dunklen Ton, den ich an diesem Orchester so liebe. Gerade für Mahler. Man hat das Gefühl, die Erde spricht und nicht jemand, der auf ihr steht." Und so entsteht ein kompaktes, intensives Klangbild von großer Direktheit und Körperlichkeit. Auch das Holz dahinter wurde durchlöchert, um den Klang weicher zu machen. Optische Veränderungen lassen den Saal jetzt heller erstrahlen: Die dunkelblaue Decke ist weiß geworden, die Seitenwände gelb. Die neue bepolsterte Sitze sind farblich besser auf den Raum abgestimmt.
Jonathan Nott liebt aber nicht nur das Dunkle, sondern auch die Extreme. Das kann man an seinen Einspielungen zweier früher Symphonien hören. Anfangs ist das Orchester bei der Ersten unglaublich leise, um wenig später Lautsprecherboxen und Trommelfell fast zu sprengen. Das machte dem Tontechniker zwar Kopfzerbrechen, aber nicht Nott, der seine Vorstellungen mit britischem Charme eloquent durchsetzt, auch mit enorm sprechender, manchmal sehr kleinteiliger Gestik beim Dirigieren, der die Musiker nicht nur handwerklich, sondern emotional blind folgen: "Die Hügel dürfen nicht immer gleich hoch sein. Das Andante aus der zweiten Symphonie muss klingen, als wäre es nicht wirklich. Bis zum Finale sollte das musikalische Geschehen in der Schwebe bleiben."
Wenn abends im Konzert das Finale von Gustav Mahlers neunter Symphonie zum Höhepunkt wird, erinnert man sich an die ersten beiden Seiten in Jonathan Notts quadratmetergroßer Dirigierpartitur, die beim Interview mittags zu sehen waren: ein grafisches Kunstwerk aus Farben und schwarzen Noten-Köpfen! Blaue, miteinander durch Striche verbundene Kreise zeigen die Fortsetzung eines Motivs durch verschiedene Instrumente; Rot und Grün markiert einzelne Bläser- oder Streicher-Stimmen; kalligraphisch zarte, gestochen scharfe Bleistifteintragungen fassen in Worten das Komponierte zusammen; hier betont ein Akzent einen Akkord, dort zeigt eine vertikale Linie den Beginn eines neuen Tempos!
Doch die Begründung des Chefdirigenten der Bamberger Symphoniker ("Ich liebe Farben!") war wohl britisches Understatement mit einer Spur Humor. Denn diese Explosion handschriftlicher Eintragungen dokumentiert eine intensive, monatelange Denk- und Probenarbeit. Nicht zuletzt an vielen leisen Stellen erzeugt Nott mit seinem Orchester eine geradezu magische Aura, die auch die französischen Kritiker der Fachzeitschrift "Classica" überzeugt hat. Aus blind verkosteten 60 Aufnahmen schafften es die Bamberger mit ihrer Einspielung der Neunten für das britische Label Tudor auf Platz 2!
Aber wann je klingt die wilde "Rondo-Burleske" des dritten Satzes auch - im Konzert wie auf Platte - so wild und grell, ist sie in ihrer verzerrten Polyphonie so glasklar und am Ende in ein aberwitziges Tempo getrieben. Nach einem halbstündigen Finale zwischen gewaltigem Aufbäumen und zartem, unendlich langsamem Verdämmern will das Publikum gar nicht applaudieren. Schließlich aber feiert es "sein" Orchester mit stehenden Ovationen!
Nach einem begleitenden Mahler-Symposium mit Vorträgen unter anderem von Jens Malte Fischer und Peter Gülke am letzten Wochenende und einer Klaviermatinee mit Musik aus der Zeit um 1910 mit Stefan Litwitt gab es ein literarisch-musikalisches Rahmenprogramm mit Mitgliedern der Bamberger Symphoniker an verschiedenen Orten: eine Lesung mit Musik, die Alma Mahler und ihren Kompositionslehrer Alexander von Zemlinsky zum Thema hatte, Blasmusik im Bierkeller oder Tanzmusik aus Altwien im Café. Am Wochenende geht die in Zukunft regelmäßig stattfindende Biennale zu Ende mit dem "Lied von der Erde" in der Version für Kammerorchester, dirigiert vom Preisträger des dritten Bamberger Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbs, und zwei Aufführungen der Achten (Samstag, 24. Juli um 19 Uhr, am folgenden Sonntag bereits um 17 Uhr).
Diese "Symphonie der Tausend" sieht Nott nicht nur monumental, sondern mit all ihrer leisen Kammermusik als die "zugleich größte und intimste Liebesgeschichte seit ?Tristan?. Denn hier geht es um Mahler und seine Frau Alma." Der Pfingsthymnus "Veni creator spiritus" sei dabei der männliche Teil, der zweite mit dem Finale von "Faust II" ist laut Nott "nur Weib. Mahler ist auch deshalb noch so aktuell, weil er bereit ist, seine Ängste zu zeigen, seine Seele zu öffnen - als Angebot an uns!"
Klaus Kalchschmid
www.biennale-bamberg.de
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