Das Bayerische Staatsballett taucht in die Welt der Ballets Russes ein
(München, 7. Mai 2009) Sie wird nicht von allen in gleichem Maß goutiert: Ivan Liskas Liebe zu themengebundenen Gala-Abenden. Dabei bieten die der Muse des Tanzes gewidmeten Soirées - am 7. Mai 2009 feierte das Bayerische Staatsballett immerhin schon die achte Ausgabe der jährlich innerhalb der Ballettfestwoche stattfindenden Terpsichore-Galas - eine bisweilen aufschlussreiche Abwechslung zu den oft üblichen Zusammenstellungen circensischer Virtuosenhäppchen. So gelang es dem Direktionsteam aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums der Ballets Russes diesmal tatsächlich, neben der hauseigenen - leider etwas blutleer ausgefallenen - Rekonstruktion von Nijinskys skandalträchtigem "L'Aprés-midi d'un faune" aus dem Jahr 1912 (Musik: Claude Debussy) zwei bedeutende spätere Neufassungen zu präsentieren.
Obwohl kein geringerer als Münchens Erster Solist Tigran Mikayelyan in die Rolle des Fauns (anno dazumal von Nijinsky selbst verkörpert) schlüpfte, hätte das choreografisch vertrackt reduzierte Stück mehr Magie ausstrahlen können. freimütig zugab. Von solchen Irrungen blieben Jerôme Robbins fabelhafte Ballettstudio-Liebesträumerei eines Tänzers (Vladimir Malakhov) mit einer Tänzerin (exquisit: Polina Semionova; beide Staatsballett Berlin) "Afternoon of a Faun" sowie John Neumeiers erotisch aufgeladene Dreiecksbeziehung in einem Arkadien der Sommerschwüle (wie erwartet überzeugend: Hélène Bouchet, Otto Bubeniček und Edvin Revazov vom Hamburg Ballett) verschont. Immerhin konnte Tigran Mikayelyan beim Gala-Rausschmeißer (die sechste Szene von Terence Kohlers "Once Upon an Ever After" zu Tschaikowskys "Pathétique") sich doch noch - frei vom Korsett eines historischen Schrittvokabulars - von seiner sprunggewaltigen Seite in Bestform zeigen - gefolgt von einer Männergruppe und den später dazustoßenden Frauen des Münchner Ensembles.
Ein geglückter Clou war auch die Einladung der Donlon Dance Company vom Saarländischen Staatstheater Saarbrücken. Zu Eric Saties peitschender und pfeifender Musik (auch eine Schreibmaschine vermeint man zu hören) hatten sie Léonides Massines grotesk-komische "Parade" aus dem Jahr 1917 mit Kostümen und einem Bühnenbild von Pablo Picasso mitgebracht: Zwei kubistisch ausstaffierte Manager, ein chinesischer Zauberkünstler, ein quirliges amerikanisches Girl, ein Akrobatenpaar und zwei zum liebenswürdig-applausgierigen Pferd verpackte Tänzer sorgten für Heiterkeit und Staunen.
Aus St. Petersburg waren Igor Kolb und Jana Selina angereist, um wieder einmal Mikhails Fokines "Le Spectre de la Rose" (1912) zu Carl Maria von Webers "Aufforderung zum Tanz" in Erinnerung zu bringen.
Schon ein Jahr nach der Uraufführung 1911 in Monte Carlo hatten Vaslav Nijinsky und Tamara Karsavina mit diesem romantischen Glanzstück in München gastiert. Verstärkt durch ihre Kolleginnen Anastasia Nikitina und Ekaterina Osmolkina konnte man die Mariinsky-Ballerina außerdem noch in George Balanchines unverwüstlichem "Apollo" (1928) bewundern. Solist dieses späten, fast schon abstrakten Ballets Russes-Werks war der junge Alexander Sergeyev.
Zuvor gab es einen Ausschnitt aus Fokines Märchenballett "Der Feuervogel" (Igor Strawinsky) in der auch mimisch voll ausgespielten Interpretation der Londoner Gäste Mara Galeazzi und Thiago Soares (Royal Ballet). So drastisch hatte man diesen Pas de deux zwischen dem Prinzen und dem eingefangenen Feuervogel noch nicht gesehen. Das dennoch Irina Dvorowenko vom American Ballet Theatre (gekonnt gepartnert von Maxim Beloserkovsky) mit ihren geglückten sprichwörtlichen "32 Fouettés" beziehungsweise Lisa-Maree Cullum mit einer balancestarken Interpretation des Rosenadagios aus "Dornröschen" fast den meisten Applaus absahnten, zeugt vom Weiterbestehen einer ungebrochenen Begeisterung für die traditionsreichen, spektakulären "Schaunummern" des klassischen Balletts. - Nicht ganz unverständlich, denn hier kann auch der Laie schnell beurteilen, mit welcher technischen Präzision eine Tänzerin (oder ein Tänzer bei seinen großen Sprung- und Drehvariationen) am Werk ist. Ob Schwarzer Schwan oder liebliche Prinzessin - die Qualitäten der Rollendarstellung, wie sie im kompletten Abendfüller zum Tragen kommen, rücken bei den aus ihrem Zusammenhang gerissenen Ausschnitten sowieso in den Hintergrund.
Ebenso unmöglich ist es - selbst unter Zuhilfenahme einer einleitenden Bildershow - das komplexe Universum und den Mythos der Ballets Russes in gut drei Stunden abzudecken. Das muss auch Ballettchef Ivan Liskas klar gewesen sein, der zur Überbrückung der Umbaupausen gleich drei Mal vor den Vorhang trat und zu erklären versuchte, was besser nachzulesen ist. Immerhin gehört er noch einer Generation von Tänzern an, die persönlich mit Serge Diaghilews ehemaligen Stars wie Massine in Berührung kamen. Diese hatten sich nach dem Tod ihres genialen Impressarios 1929, dessen Repertoire im Gepäck, in alle Welt verstreut. Somit wurde der überwältigende Einfluss der Ballets Russes, ohne den das Ballett heute nicht wäre, was es ist, portionsweise weitergetragen. Die Terpsichore-Gala VIII mit ihrem Titel "Die Welt der Ballets Russes" machte dies deutlich.
Vesna Mlakar