Reigen seliger Tänzer

Foto: Bayer. Staatsballett

Uraufführungen von Sandroni und Schläpfer beim Auftakt der Münchner Ballettfestwoche des Bayerischen Staatsballetts

(München, 12. April 2008) Mut zum Kontrast zeichnet das Programm der Eröffnungspremiere der Ballettwoche des Bayerischen Staatsballetts vor allem aus. Da stehen zwei Werke der Neoklassik neben einem Stück, das in seiner Stilvielfalt und Experimetierfreude beinahe anarchisch wirkt. Der italienische Choreograph Simone Sandroni thematisiert in seinem für München entstandenen "Cambio D'abito" den Kleidertausch als lustigen Reigen seliger Tänzer mit viel Witz und Impulsivität, aber ohne jegliche tiefere inhaltliche Ebenen. Die Bühnen- und Kostümzauberin Rosalie hat ihm dafür eine wunderbar verrückte Bühne gezaubert mit umgekehrten Wäschespinnen, die teleskopartig von der Decke hängen und allerhand bunten, über die Bühne verteilten Wäschehaufen. Nacktheit und Verhüllung via (Ver-)Kleidung, Rollentausch durch Kleidertausch all dies scheint versteckt oder offen auf in den Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer - verläßt jedoch nie die heitere Oberfläche.
Dass Sandroni dazu Musik von Johann Sebastian Bach (Teile aus Sonaten für Violine und Cembalo) gewählt hat, verwundert ein wenig angesichts des lapidaren Charakters der Choreographie. Im Programmheft liest man die Erklärung: Die Musik sei nicht der wesentliche Faktor, meint Sandroni. Wenn das so ist.

In Hans van Manens streng klassischer Choreographie von 1973 mit dem Titel "Adagio Hammerklavier" spielt die Musik Ludwig van Beethovens (das Adagio aus der Hammerklaviersonate) dagegen die entscheidende Rolle neben den Tänzern. Mit grandioser Strenge und Würde versenken sich die Tänzerinnen und Tänzer in den tönenden Kosmos existentieller Tiefgründigkeit ohne dabei je konkret zu werden (der ausübende Pianist ist dazu angehalten extrem langsam zu spielen - Maria Babanina gelingt dies ohne Spannungsverlust). Abstrakt wie die Musik selbst bleiben die Bewegungen in den klassischen Konstellationen. Das ist so faszinierend choreographiert wie bestechend tänzerisch umgesetzt vom Bayerischen Staatsballett, dem es an keinerlei Voraussetzungen für dieses höchstanspruchsvolle Stück fehlt (überragend: Lucia Lacarra, beeindruckend: Cyril Pierre, Roberta Fernandes, Lukas Slavicky, Severine Ferrolier und Tigran Mikayelyan).

Lucia Lacarra, Cyril Pierre in "Adagio Hammerklavier"

Inspiriert von der Ästhetik Hans van Manens ist auch der Schweizer Choreograph Martin Schläpfer, dessen Stück "Violakonzert II" ebenfalls für München entstanden ist und jetzt uraufgeführt wurde. Es verweist ebenfalls schon im Titel auf die Rolle der Musik. Schläpfer Stück basiert auf dem spirituell anmutenden Violakonzert der tatarischen Komponistin Sofia Gubaidulina aus dem Jahr 1996. Schläpfer arbeitet freier mit den Formen als van Manen, läßt Pausen entstehen, wie die Musik auch - Momente des Innehaltens. Von einer "denkenden Musik" spricht Schläpfer in diesem Zusammenhang von Gubaidulinas Stück. Die Sphäre des Kontemplativen, nicht Meditativen transformiert Schläpfer in Bewegung, perfekt umgesetzt von einem hochmotivierten Ensemble sowie einer mit Metallskulpturen Spannung erzeugenden Bühnen-Installation von Rosalie. Dabei verdichtet sich die Szenerie auf der Bühne mit bis zu 40 Tänzerinnen und Tänzern ebenso wie die Musik.

Das Bayerische Staatsorchester unter Robertas Servenikas sowie Dietrich Cramer als Solist lieferten die ausdrucksstarke klangliche Grundlage.

Robert Jungwirth

Weitere Informationen über die Ballettfestwoche: www.bayerisches.staatsballett.de