In Bachs Festspielhaus

Die Thomaskirche in Leipzig: Ihre Bedeutung für den Klang und die Besetzung Bachscher Musik, empirisch nachgehört in der Matthäuspassion beim Bachfest Leipzig

(Leipzig, 8. Juni 2012) Eine Reise zu Bach nach Leipzig ist eine Reise in die Gegenwart. Gebäude machen Bach präsent - sie bergen den Klang seiner Musik: die Nikolaikirche, die Thomaskirche. In Leipzig verbrachte Johann Sebastian Bach, der einflussreichste Komponist der westlichen Welt, 27 Jahre seines Lebens, seines Wirkens, seines Komponierens. Hier gingen seine Söhne zur Schule und zur Universität, und drei davon, Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emmanuel und Johann Christian, wurden angesehene Komponisten, wie ihr Vater. Man kann sich Bach nicht ohne Weimar denken, nicht ohne Köthen - aber, vor allem, kann man sich Bach nicht ohne Leipzig denken. Als Bach in Leipzig lebte, war dies eine der wichtigsten Metropolen Deutschlands, mit der Messe eines der großen Zentren des Handels, mit der Universität eines der Zentren der Bildung und mit seinen Kirchen eines der Zentren des protestantischen Glaubens. Man mag viel darüber lesen, dass Bach sich in Leipzig nicht wohlgefühlt habe - Tatsache ist, dass diese umtriebige, selbstbewusste Großstadt des Barockzeitalters der ideale Nährboden für die Entfaltung des gesamten Spektrums von Bachs Können und seiner Aktivitäten war. Carl Philipp Emmanuel berichtete über seinen Vater, dieser habe nichts anderes gewollt, als für eine geordnete Kirchenmusik zu sorgen. Hier, in Leipzig, war dies seine Aufgabe und er hatte alle Mittel an der Hand, um ihr nach zukommen.

Als Thomaskantor verfügte Bach über Autorität, Arbeitsräume, Instrumente, einen Chor, Musiker und das Ansehen, an der renommiertesten Lateinschule der Region zu arbeiten. Als "director musices" musste er für die Kirchenmusik an den vier großen Kirchen Leipzigs sorgen. Wozu das führte, beschreibt Christoph Wolff in seiner Bach-Biographie: 1500 Konzerte in 27 Jahren. Bach war nicht nur Komponist, Organist und Lehrer, er war auch Konzertmanager. Und: Er hatte seinen eigenen Konzertsaal.

Neben allem, was Bach an Leipzig attraktiv gefunden haben mag, dürfte dies eine der größten Attraktionen für ihn gewesen sein: die phantastische Akustik der Thomaskirche. Gar nicht wie eine Kirche, doch mehr wie ein Konzertsaal mit einem etwas längeren Hall. Von der Chorempore im Osten aus aufgeführt, breitet sich die Musik in allen Tonlagen klar und kraftvoll im ganzen Raum aus und erreicht auch den gegenüberliegenden Chorraum. Text ist bis in jedes Wort hinein verständlich, der Gesang von Solisten erreicht die Hörer genau und für eine Kirche frappierend direkt. Was hier völlig fehlt ist das verhallt-ungewisse "normaler" Kirchenarchitektur, wie es der Vokalpolyphonie der Renaissance immer von Vorteil war. Die Thomaskirche, die ihre heutige Gestalt einer spätgotischen Hallenkirche Ende des 15. Jahrhunderts erhielt,  ist ein gemauerter Beleg für die geistige Wende des Protestantismus. Hier ist Klarheit gefragt, das Verstehen des Wortes, nicht ein nebulöser Glaube an von oben verordnete Wahrheiten. Die Thomaskirche war das Zentrum von Bachs musikalischen Aktivitäten. Die Thomasschule war gleich nebenan, darin seine Wohnung. Hier hatten er und seine Musik ihre Heimat. Und wer heute die Thomaskirche betritt, der tritt ein in die musikalische Gegenwart Johann Sebastian Bachs, in jene Realität, die Klang und Gestalt seiner Kirchenmusik gewiss nicht weniger bestimmt haben als Bachs Genie und Fleiß.

Die Thomaskirche, sie war nicht nur Raum, sie war dank der Präsenz ihrer Akustik auch maßgebliche Inspiration für das Beste, das Bach hervorzubringen in der Lage war. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass er viele seiner Kantaten aus früherer Zeit für eine erneute Aufführung in Leipzig überarbeitete. Meist handelt es sich dabei um Ergänzungen in der Instrumentierung. Bach feilte am Klang, an Nuancen des Ausdrucks. Bach, dessen Freude am rauschhaften Klang man beim Hören seiner Orgelmusik teilen darf, muss den Klang dieses Raumes genossen, ihn geliebt haben. Seine Kompositionen operieren hörbar mit dem Charakter der Akustik. Einerseits bieten sie, wie in den opulent besetzten Festkantaten "O ewiges Feuer", BWV 34 zu Pfingsten 1726 oder "Lobe den Herrn", BWV 69, zum Ratswechsel 1723 und jene des Weihnachtsoratoriums, ausgefeilteste Polyphonie und Komplexität, die auf Wirkung durch Vielfalt der Klänge zielt. Andererseits gibt es Werke wie die Passionen, bei denen die Verständlichkeit des Wortes an erster Stelle steht und die auf diese Qualität der Kirche bauen. Das erlebt auch der Hörer von heute. Bachs Musik schmiegt sich in diesen Raum ein, erfüllt auch die entfernteste Ecke - sie klingt in der Thomaskirche so einzigartig wie die Wagners in Bayreuth. An diese Symbiose sollte man denken, wenn man sich an die Aufführung von Bachs Musik und an Gedanken über die richtige Besetzung macht.

Die irritierende Diskussion um die Frage, ob die Chorsätze Bachs nicht solistisch zu besetzen seien, dürfte beendet sein. Die Forschung hat akzeptiert, dass Bachs berühmte "Eingabe" an den Leipziger Stadtrat nicht nur spekulativ, sondern gültig ist: darin fordert er eine bestimmte Mindestzahl von Musikern, die er für die richtige Ausführung seiner Musik und der Kirchenmusik in Leipzig überhaupt für notwendig hält. Es sind nicht viele, zwölf Chorsänger, von denen mindestens vier auch Soli übernehmen können müssen. Der Besuch eines Bachkonzertes in der Thomaskirche liefert umgehend den Beweis, dass diese Zahl richtig ist. Mit so vielen Musikern "funktioniert" die Thomas-Akustik am besten und hält den Klang in der richtigen Balance zwischen Wucht und Durchhörbarkeit.

Verleihung der Bach-Medaille an Masaaki Suzuki Foto: Bach-Archiv Leipzig / Gert Mothes

In diesem Jahr, beim Bachfest 2012, bot die "Matthäuspassion" mit dem Bach-Collegium Japan unter der Leitung von Masaaki Suzuki die Gelegenheit, dieses Zusammenspiel von der Akustik des Kirchenraums und der idealen Größe der Besetzung am eigenen Ohr mitzuerleben. Suzuki ist derzeit der undogmatischste, aber genaueste Bach-Interpret, der allem, was man über Bach weiß, insofern am nächsten kommt, als er sich sowohl als der "gelehrteste" als auch als der musikalisch inspirierendste erweist.  Durch seine Herkunft kommt ihm zu Gute, dass sein Ansatz völlig frei von Sentimentalitäten ist, wie sie einem Europäer unvermeidlich sind. Wo etwa ein Gardiner auf die Gefühls-Tube drückt, da hält Suzuki mit Diktion, mit unerschütterlicher Klarheit der Harmonie und der Arbeit an allen musikalischen Parametern dagegen. Ein Beispiel aus der "Matthäuspassion": Den zentralen Choral "O Haupt voll Blut und Wunden" lässt Suzuki intonieren wie schon die anderen Strophen des Chorals zuvor. Er arbeitet aber die harmonischen Schärfen derart heraus, dass es beim Hörer eine Gänsehaut erzeugt. Kein duseliges Gesäusel, kein vorwurfsvolles Gebrüll. Dafür Bachs Kühnheit beim musikalischen Wort genommen. So wünscht man sich Interpretation. Wie es sonst zugeht in Suzukis ebenso erhellender wie berührender Interpretation der "Matthäuspassion", das kann jeder auf der CD-Einspielung beim Label "BIS" nachhören. In Japan an einem Ort aufgenommen, der im Geiste der Akustik der Thomaskirche gebaut wurde, gibt die Aufnahme sogar die Qualitäten des "Originalortes" wieder. In Leipzig gab er die erste Fassung der Passion von 1729, deren auffallendstes Merkmal der knappe Choral am Ende des ersten Teiles ist, wo wir heute die großartige Choralfantasie "O Mensch, bewein Dein Sünde groß" aus Bachs Reinschrift von 1736 kennen und der Lautenpart in der Arie "Komm süßes Kreuz", der später der Gambe zugewiesen wurde.

Was bei dieser Aufführung das Interesse unter Spannung hielt, war ihre akustische Wirkung in der Kirche. Die Besetzung: insgesamt 20 Sängerinnen und Sänger im Chor, 28 Musiker im Orchester. Davon im Basso Continuo zwei Celli und ein Kontrabass. Das sollte alles sein für ein Werk, das man in der Regel mit dreimal so groß besetzten Chören und doppelt so großen Orchestern aufführt? Das darf alles sein, wenn die Musik in der Thomaskirche erklingt. Christoph Wolff weist zwar darauf hin, dass die große Besetzung für in zwei Chöre verteilte Ensembles nicht zur Verstärkung des Klanges gedacht war, sondern zur größtmöglichen Differenzierung der Verkündigung der Botschaft. Und es spielt in der Regel auch nur einer der Chöre. Aber der Klang der Stimmen und Instrumente erreicht die Hörer in der speziellen Akustik der Thomaskirche mit einer Direktheit und Deutlichkeit, als säße man vor Lautsprechern. Das hat Bach bei seinen Kompositionen mit einbezogen und darauf zielte auch seine Eingabe: in der Thomaskirche erreicht seine Musik in dieser Besetzung ihre Zuhörer mit der von Bach gewünschten Intensität. Und zu seiner Zeit waren es regelmäßig 2000 Zuhörer, die dort Platz fanden und ihn auch einnahmen. 2000 Zuhörer werden von der Chorempore aus mit einer Genauigkeit beschallt, dass sie anschließend mit den kräftigsten Eindrücken von dannen ziehen. Die Predigt funktioniert als Verstehen des Wortes genauso wie als Empfinden der Musik.

Welche Erkenntnis kann man daraus mitnehmen?  Erstens: dass Bach die Anzahl der Musiker in der "Eingabe" als ideal betrachtete, und zwar für die akustischen Bedingungen der Thomas- und sicher auch der Nikolai-Kirche, in denen die Kantatenaufführungen des Elite-Chores der Thomasschule stattfanden. Zweitens: dass Bachs Musik mit Konzertsaal-Qualitäten der Akustik rechnet, in ihren Details durchhörbar sein will und gleichzeitig auf einen tragfähigen, sonoren Mischklang setzt. Geist und Körper wollen von den Reizen von Bachs Musik gleichermaßen erreicht werden. Drittens: außer Bachs eigener Festsetzung, dass in den Chören "Ripienisten" die solistischen "Choristen" zum Chor nach heutiger Vorstellung ergänzen, gibt es keine "richtige" Größe der Besetzung für Bachs Musik. Sie hängt immer von ihrem Verhältnis zu Größe und Akustik des Raumes ab, in dem sie aufgeführt werden soll. Der sollte idealerweise eher trocken als hallig sein, dabei einen angenehmen Nachhall haben. Am nächsten kommt der Thomaskirche daher der Große Saal im Wiener Musikverein. Dort zeigte einst Ton Koopman mit dem Amsterdam Baroque Orchestra und Choir in nach Bach "idealer" Besetzung, wie vollendet das Weihnachtsoratorium klingen kann. Umgekehrt funktioniert auch ein Unding wie das Große Festspielhaus in Salzburg als Bach-Raum, wenn die Matthäuspassion, wie unter Claudio Abbado geschehen, mit den Berliner Philharmonikern und dem professionellen, aber schlank timbrierten Rundfunkchor Stockholm aufgeführt wird. Es ist eine Frage der Proportion, der Haltung und der Virtuosität der Musiker. Da kannte Bach keine Kompromisse. Er schulte seine Musiker höchst persönlich als Teil seiner Unterrichtsverpflichtung an der Thomasschule und ließ nur diejenigen zu seinen Aufführungen zu, die sich seinen Kompositionen auch gewachsen zeigten.
Wem der Maßstab fehlt, der muss die Thomaskirche ausprobieren. Diese Kirche, die nicht nach Kirche klingt. Bachs Konzertsaal, sein größtes Instrument in seiner Sammlung. Es steht in Leipzig, und kann von jedem gehört werden. Die Thomaskirche, sie ist die Geschichte und die Gegenwart von Bachs Musik zugleich.

Laszlo Molnar

Das Bachfest Leipzig 2012 geht noch bis zum 17. Juni. Zum Abschluss erklingt in der Thomaskirche die h-Moll-Messe mit  Joélle Harvey (Sopran), Sarah Fox (Sopran), Iestyn Davies (Altus), Ed Lyon (Tenor), Stephan Loges (Bass), The English Concert Choir, The English Concert unter der Leitung von Harry Bicket.


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